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von Zwiebelfisch    erstellt: 16.10.2008    letztes Update: 23.03.2009    Humor / P6     11 Reviews
Hallo und herzlich Willkommen in meinem Leben. Wie bereits in der Beschreibung erwähnt studiere ich seit neustem. Geschichte. Spannendes Fach. Meinen Master möchte ich in Journalistik machen, nebenbei lerne ich meine mittlerweile vierte Fremdsprache Russisch. Dieser Text ist eigentlich entstanden, weil der Fachschaftsrat Geschichte uns Neulinge gebeten hat, unsere erste Woche und unsere ersten Eindrücke aufzuschreiben.

Man sollte vielleicht hinzufügen, dass im Moment die Uni Leipzig sich in einem riesigen Umbau befindet und dadurch sämtliche Fakultäten und Seminarräume sich über die ganze Stadt verstreut befinden, was meinen häufigen Ortswechsel erklären sollte.

Nun denn, ich wünsche euch viel Spaß, vergesst nicht, mir eure Meinung mitzuteilen, sei es per Mail oder Review.

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Montag, 13.10.
Beginn: 9:15. Heißt das jetzt nun, dass wir um neun da sein müssen, weil wir um neun anfangen aber auch um viertel zehn anfangen könnten oder können wir um viertel zehn da sein? Sine tempore, cum tempore - nicht nur für Nichtlateiner verwirrend. Zwar habe ich pflichtgemäß vier Jahre Latein in der Schule abgesessen, das heißt aber noch lange nicht, dass ich mich automatisch mit seltsamen lateinischen Bezeichnungen an der Uni auskenne.

Nun gut, fahren wir vorsichtshalber schon mal früher los, früh genug aufgestanden bin ich ja. Kaffee, Haare kämmen, Schulblock und Notizbuch in die Handtasche schmeißen, nochmal schnell ins Bad wollen, weil Haare wie üblich aussehen, als hätten Krähen eine wilde Party geschmissen. Durch den Flur gehetzt, die Zeiger der Uhr ticken unaufhörlich und was ist? Badtür verschlossen. Elende Physikstudenten, müssen sich wieder stundenlang die Haare frisieren. Nachdem ich meinen Mitbewohner endlich aus dem Bad verbannt hab und meine Haare mehr oder weniger (eher weniger) repräsentabel aussehen, schwinge ich mich auf mein Fahrrad, das erst mühsam die Treppe vom Keller hochgetragen werden muss und beginne meinen täglichen Kampf mit dem Großstadtdschungel von Leipzig.

Aufgewachsen in einer kleinen, verschlafenen Stadt 20 Zugminuten von Leipzig entfernt, bin ich es nicht nur nicht gewöhnt, mein Fahrrad überall anschließen zu müssen, sondern auch nicht, dass jeder Weg glatt mal doppelt so lange dauern kann, aufgrund von fiesen Fußangeln wie anderen Verkehrsteilnehmern oder Fußgängerampeln, die man wohl oder übel benutzen muss, wenn man nicht im Strom der Blechlawine, die die Straßen verstopft mitschwimmen möchte.

Zurück zum eigentlichen Thema, ich komme an der Uni an, sichere mein Rad mit zwei Schlössern, bin meiner Meinung nach viel zu spät dran und betrete schwitzend das Geisteswissenschaftliche Zentrum, kurz GWZ.  Ab hier dürften mich keine größeren Probleme erwarten - denke ich. H4 2.16 steht kryptisch auf meinen Stundenplan, der zu diesem Zeitpunkt übrigens noch nicht vollständig war, da ich verpasst hatte, dass die Termine für das Basismodul I, welches Alte Geschichte, Mittelalter und Neue Geschichte enthält, im kommentierten Vorlesungsverzeichnis völlig richtig waren und ich dementsprechend völlig umsonst das ganze Wochenende auf eine zweite E-Mail gewartet hatte. Von meinen Alpträumen, die erste Vorlesung meines Lebens, die ja Montag morgen 7:30 Uhr hätte beginnen können, zu verpassen, fangen wir hier lieber gar nicht an.

Wiederum zurück zu Thema: H4 2.16. Was nun? Oder besser gesagt wo nun? Aber man hat ja nicht umsonst das Abitur gemacht, sogar ganz gut, wie ich hier erwähnen möchte. Also werfe ich mein Gehirn, das in den letzten Monaten nicht wirklich viel zu tun hatte an und komme schließlich drauf, dass die vermeintlich kryptische Formel keine geheime Anleitung zum Vernichtend er Menschheit ist, sondern schlicht und ergreifend bedeutet: Haus vier, zweite Etage, Raum 16. Ha! Ham wa wieder was gelernt! Doch oh Schreck, der Zeiger rennt, die Uhr tickt und ich gerate in Panik. Denn ich bin umgeben von MA. Nicht Mittelalter oder Master of Arts sondern moderner Architektur. Moderne Architektur wird nicht nur teuer bezahlt, sie hat auch den unschätzbaren Vorteil,(oder Nachteil, aus welchem Blickwinkel man diesen Sachverhalt betrachten möchte, ist jedem freigestellt) neue Studenten extrem zu verschrecken und ihnen noch ein paar kleine Steine in den Weg zu legen.

Wie dem auch sei, ich entdeckte einen Plan der Anlage und konnte sogar sehen, wo sich besagtes Haus vier befand. Bzw. befindet. Nachdem ich also in aller Eile meinen Weg fortsetzte, merkte ich nach kurzer Zeit, dass ich definitiv im falschen Haus gelandet war. kurz entschlossen fragte ich die nächste Studentin, die mir in den Weg geriet, nur leider war sie Serbin und hatte selbst keine Ahnung. Weiter gings zu einer, einer Lehrkraft ähnelnden Person, die aber auch nur meinte, da vorne ist ein Plan, geh mal gucken. Du machst das schon. Ist das die neue Selbstständigkeit, die von uns Studenten erwartet wird? Letztendlich kam ich an. Nicht so früh, wie geplant, jedoch auch nicht so spät, wie gefürchtet.

Was sah ich? Einen pi mal Daumen 20 m² großen Raum, in den sich, wie ich später erfuhr 46 Leute gequetscht hatten bzw. sich noch quetschen sollten. Die Übung ist übrigens auf höchstens 40 Mann ausgelegt. Vorsichtshalber erkundigte ich mich, ob hier das Modul „Zeitgeschichte und Geschichtskultur“ stattfindet. Hätte ja ein Forschungsexperiment zum Thema Platzangst oder so sein können. Leider Fehlanzeige, es war tatsächlich besagtes Modul. Kein Fenster war geöffnet, die Menschen stapelten sich auf der Heizung (uh, das wird im Winter unangenehm, Leute). Doch ich, ich vom Schicksal begünstigtes Kind, sah einen leeren Stuhl. In einem Anfall von sportlicher Selbstüberschätzung hechtete ich zu diesem freien Platz. Wundersamerweise wurde bei meiner überstürzten Aktion niemand verletzt und ich konnte mich tatsächlich relativ bequem platzieren. Mittlerweile wurde damit begonnen, Stühle aus anderem Räumen zu entwenden.

Vor meinem inneren Auge manifestierten sich Bilder von Leuten, die nichtsahnend ihr Büro betreten und keinen Stuhl mehr finden. Wie dem auch sei, die Übung begann, Herr Weser stellte sich vor, bat um die Öffnung der Fenster (Ja! Danke!), las die Teilnehmerliste vor. Die, die nicht erwähnt wurden, sollten doch bitte gehen. Eigentlich erwartete ich jetzt einen Massenauszug. Doch: nichts. Zwei oder drei Personen, die sowieso schon draußen standen, verliesen den Schauplatz. Nachdem mehrmals bedauert wurden, wie voll die Übung ist und man verzweifelt nach Lösungen sucht, dachte ich mir, dass das irgendwie doch ein wenig schlecht organisiert ist. Sollte man sich nicht langsam von dem Schock erholt haben, dass man so viele Geschichtsstudenten dieses Jahr hat? Sollte man nicht besseres Lernen ermöglichen können? 46 Leute in einem kleinen Raum?

Wenn das die Folge von Bachelor und Master ist, möchte man sich am liebsten an den allgemeinen Schimpfreden beteiligen. Der Rest der Stunde verlief eher unspektakulär. Formalitäten wurden geklärt, der Lehrplan gezeigt, die Lehrbox erklärt. Die Technik streikte. Bei diesem Zwischenfall bekam ich leichte, nostalgische Gefühle. Wer kennt das nicht, die schönste, mit Bildern und kleinen Videos voll gestopfte PowerPoint Präsentation kann nicht gehalten werden, weil der Beamer in der Schule, sofern man einen hatte, die Hufe hoch gemacht hat?

Mit gemischten Gefühlen verlasse ich das GWZ, krame meine Wegbeschreibung raus, die mich zum Brühl bringen soll. Doch schon die erste Straße finde ich nicht und da ich in etwa weiß, wo der Brühl sich befindet, radel ich auf gut Glück los. Vorbei am Neuen Rathaus, den Ring entlang. Nachdem ich ein freundliches Rentnerehepaar und eine Studentin befragt habe, kam ich nach erstaunlich kurzer Zeit dort an. Vor den Fahrstühlen (ich musste in den siebten Stock) eine riesiger Traube junger, dynamischer Studenten, die genau wie ich keine Lust hatten, Unmengen von Stufen zu bezwingen. Nach kurzem Überlegen beschloss ich dann trotzdem die Treppe zu nehmen.

Langsam aber sicher kämpfte ich mich vorwärts, machte einen kurzen Zwischenstopp in der Cafeteria im sechsten Stock, da ich mittlerweile fast süchtig nach dem dort verkauften Latte Macchiato bin, lies mir dort mitteilen, dass die vielen Stufen gut für meine Durchblutung sind und kam völlig ausgepumpt in meinem Seminarraum an. Als sich alle Russischanfänger dort eingefunden hatten, wurde von unserer Leiterin Olga, deren Nachnamen ich im Moment leider noch nicht aussprechen kann, festgestellt, dass wir einen größeren Raum brauchen. Déjà vu! Auch in diesem Kurs wurden zuerst nur organisatorische Dinge besprochen, sodass wir nach einer knappen dreiviertel Stunde bereits wieder entlassen wurden. Nachdem ich nach knapp vier Minuten wieder im Erdgeschoss angekommen war, begab ich mich auf den Weg zur Mensa in der Katharinenstraße, beschloß dort jedoch, dass sie mir gänzlich unsympathisch ist und fuhr nach hause. Im Nachhinein blicke ich mit gemischten Gefühlen auf diesen Tag zurück. Noch kann ich mir kein Bild vom Unialltag machen, aber ich arbeite daran.
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Freut euch auf weitere Tage meines neuen Lebensabschnittes. Coming soon!

Liebe Grüße, Zwiebelfisch
 
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