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Willkommen in der Hölle
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von gugi28    erstellt: 20.03.2009    letztes Update: 12.06.2009    Drama / P18 Slash    (fertiggestellt, keine anonymen Reviews) 870 Reviews

Hallo und herzlich Willkommen!


Here I am! Und im Gepäck habe ich etwas für euch! Darf ich vorstellen? Kurzgeschichte, das sind deine Leser - liebe Leser, dass ist meine Kurzgeschichte. So, nachdem ihr euch jetzt kennen gelernt habt, sollten wir die Beziehung zwischen Leser und Kurzgeschichte vertiefen, meint ihr nicht auch? *zwinker*

Viele Bussis, ich freue mich auf euch, eure gugi


°°°°


Name der Geschichte: Entstellt – Das zweite Gesicht
Disclaimer: Nix meins, alles JKR – die Glückliche!
Pairing: Harry/Draco und Nebenpairings
Rating:  Slash R18, Lemon
Genre: Drama/Romanze
Kapitelanzahl: 12
Status: Beendet
Update: Jeden Freitag bzw. Wochenende
Spielraum: Post Hogwarts
Rechtschreibung: Die Österreichische
Beta: Die zauberhaften Damen LadyMarJa und bambi71


Wichtige Info zu den Charas: Manche von ihnen werden nur sporadisch vorkommen bzw. euch verändert erscheinen. Zu Draco Malfoy gäbe es noch zu sagen, dass er ab und zu OOC ist. Das liegt hauptsächlich daran, dass er älter geworden ist, viel erlebt hat und ich es mir gestattet habe, dass unser hübsches Blondie endlich einmal ein wenig Einsicht zeigen sollte.

Thematik: Da mir die Hauptthematik neu ist und ich selbst Gott sei Dank noch nie in dieser Situation war, versuche ich, dieses Thema nach bestem Wissen und Gewissen zu behandeln. Da dies eine Fanfiktion ist, kann man es mit der Realität nicht gleichsetzen. Ich bitte, das zu berücksichtigen, danke!

Erläuterung zum Thema Kurzgeschichte: Da dies eine Kurzgeschichte ist (für meine Verhältnisse jedenfalls), müsst ihr damit rechnen, dass einige Situationen und Ereignisse, wofür ich mir sonst gerne Zeit nehme, diesmal schneller vonstatten gehen. Schließlich wollte ich alle Ideen, die ich hatte, in den wenigen Kapiteln unterbringen. Danke für euer Verständnis!

Inhalt: Für Harry hätte das Leben nicht besser laufen können. Er war ein angesehener Auror, arbeitete mit seinem besten Freund Ron zusammen und führte mit Ginny eine harmonische Beziehung. Bis eines Tages der Wind des Schicksals in seine Karten blies, Harry in eine fatale Falle lockte und alles zerstörte, was ihm wichtig war und ihn ausmachte


Bevor es losgeht: Für dieses und einige andere Kapitel braucht ihr gute Nerven und vielleicht auch Taschentücher. Aber ich verspreche, es wird besser!




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Kapitel 01 – Willkommen in der Hölle

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Die riesige Eingangshalle des Ministeriums war überfüllt mit Zauberern und Hexen, die es eilig hatten, zu ihren Büros zu kommen. Vereinzelt blieben Interessenten an den kleinen Zeitungsständen stehen, um sich die neueste Ausgabe des Tagespropheten zu kaufen.

Mitten im Getümmel befanden sich auch Harry und Ron.

„Ach komm schon, Mann! Du weißt wirklich nicht, was für ein besonderer Tag heute ist?“, fragte Ron ungläubig und wich einem älteren, zeitungslesenden Zauberer aus, um nicht mit ihm zu kollidieren. Schnell war er wieder an Harrys Seite.

„Was soll an einem Montag so besonders sein?“, runzelte Harry die Stirn. Plötzlich kam ihm etwas in den Sinn. Hermine und Ron! „Oder ist heute vielleicht euer Hochzeitstag?“

„Blödsinn“, schnaufte Ron. „Den haben wir erst in einem halben Jahr.“

„Bemerkenswert, dass du dir endlich wichtige Ereignisse merkst“, lachte Harry los und kassierte von Ron einen bösen Blick.

„Muss ich wohl! Würde ich unseren Hochzeitstag vergessen, könnte ich mir den Sex mit ihr für mindestens ein Jahr aufzeichnen und auf Handbetrieb umsteigen“, präsentierte Ron seine alptraumhafte Zukunftsvision.

„Gut, wenn heute nicht euer Hochzeitstag ist, dann …“ Harry überlegte angestrengt, kam aber nicht auf des Rätsels Lösung.

Der Rotschopf ließ endlich Gnade walten und rückte mit der Sprache raus. „Exakt heute vor 6 Jahren haben wir angefangen, hier zu arbeiten!“

Harry blieb mitten im zähen Menschenfluss stehen und sah seinen besten Freund verdutzt an. „Was? Heute? Unglaublich, die Zeit vergeht wie im Flug“, schüttelte er erstaunt den Kopf.

Ron nickte. „Du sagst es. Aber ich erinnere mich noch an unser Einstellungsgespräch, als wäre es erst gestern gewesen.“ Die beiden Männer setzten sich wieder in Bewegung und steuerten auf einen der Aufzüge zu.

„Jedes Jahr sagst du dasselbe, Ron“, schmunzelte Harry vor sich hin. Bevor sein bester Freund und Kollege seinen Einspruch geltend machen konnte, sprach Harry weiter. „Zuerst fängst du damit an, wie froh du bist, dass Voldemort dank mir in die Hölle befördert wurde. Dann erzählst du mir, was für einen Schiss du bei der Aufnahmeprüfung gehabt hast und dass du sie ohne mich nicht gepackt hättest. Meine Antwort darauf kennst du ja bereits. - Aber jetzt kommt‘s …!“ Harry zückte den Finger und hielt dennoch in seiner Aufzählung inne.  

Die Türen der leeren Kabine gingen auf und die beiden Auroren traten ein. Zu ihnen gesellten sich noch vier Zauberer und zwei Hexen, die sich gegenseitig einen Guten Morgen wünschten. Da einer der Zauberer dem Aufzug jenes Stockwerk befahl, in welches auch Ron und Harry mussten, fuhr Harry im gedämpften Ton fort und neigte sich näher zu Ron.

„Dann kommt die Stelle, an der ich immer den Kopf schütteln muss …“, warf Harry ihm einen bedeutungsschweren Blick zu.  

„Siehst du, Harry? Das kann ich bis heute nicht verstehen! Wieso macht es dir nichts aus, dass ausgerechnet Malfoy ein Auror geworden ist?“, zischte der Rotschopf ihm zu.

„Auch das fragst du mich jedes Jahr, und jedes Jahr gebe ich dir dieselbe Antwort: Am Anfang hat es mir sehr wohl etwas ausgemacht, aber ich habe die Tatsache akzeptiert! Malfoy macht seinen Job wirklich gut, das musst selbst du zugeben, oder?“

Ron verzog sein Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. „Ist mir doch scheißegal, ob Malfoy geradeaus gehen kann oder gegen eine Wand läuft – ich mag ihn nicht.“ Ron schloss den Mund, da die beiden Hexen ihn erbost ansahen. An seiner Wortwahl musste Ron wohl noch ein wenig feilen …

„Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Arbeitstag, die Damen“, lächelte Harry sie galant an, denn die Türen gingen erneut auf und für die beiden Hexen war es an der Zeit, den Aufzug zu verlassen.

„Danke, Ihnen auch“, erwiderte eine der beiden älteren Frauen verlegen.

Als sich die Türen wieder schlossen, sah Ron Harry amüsiert ins Gesicht. „Schleimer.“ Harry lachte bloß. Im nächsten Stockwerk stiegen sie aus und begaben sich zum Büro ihres Vorgesetzten.

„Sei froh, dass Malfoy im Ausland ist, so musst du ihn nicht ständig sehen“, grinste Harry ihn an.

„Von mir aus könnte er noch Jahre dort bleiben – ich vermisse ihn sicher nicht! Wie lange ist er eigentlich schon weg?“, wollte Ron plötzlich wissen.

„Wieso interessiert dich das?“

„Weil du vorhin gesagt hast, dass die Zeit wie im Flug vergeht. Ich befürchte, dass Malfoy bald wieder zurückkommt.“

Harry überlegte. „Ich schätze, es sind jetzt … knapp drei Jahre? Hat unser Chef nicht letztens erwähnt, dass sein Aufenthalt im Ausland nur drei Jahre andauert?“

„Scheiße! Das heißt ja, dass er wirklich bald wieder zurückkommt!“, riss Ron die Augen auf und Harry nickte.

„Oh Mann! Aber … Vielleicht können wir unseren Chef überreden, dass er uns Malfoy noch länger vom Hals hält, was meinst du?“, erhoffte sich der Rotschopf.

„Ron“, seufzte Harry. „Finde dich damit ab, dass wir zukünftig wieder mit Malfoy zusammenarbeiten müssen. So ist das Leben.“

Aber Ron wollte sich nicht damit abfinden. „Ich finde das nicht fair! Wir mussten ihn schon in der Schule ertragen – wieso jetzt auch in unserem Job? Es gibt genügend Abteilungen, in die Malfoy versetzt werden kann! Ich bin mir sicher, auf dem Mond suchen sie noch jemanden!“, schlug er eifrig vor.  

Harry blieb stehen und zog seinen Freund beiseite, damit sie niemandem im Weg standen. „Hör mal, Ron: Ich bin ebenso wenig begeistert wie du, aber sogar unser Chef war damals der Ansicht, dass Malfoy mit seinem Wissen und seinem Können perfekt in unser Team passt. Schau mich nicht so entsetzt an! Ich mag ihn auch nicht, aber ich muss trotzdem zugeben, dass er sich verändert hat. Zumindest war das mein letzter Eindruck von ihm.“

„Du hast tatsächlich Frieden mit ihm geschlossen? Mit der ganzen Situation?“, keuchte Ron entsetzt auf. „Inwiefern sollte er sich verändert haben? Er ist noch immer derselbe eingebildete Arsch, der er damals war.“

„Frieden nicht“, verneinte Harry. „Ich würde eher sagen, dass wir einen Waffenstillstand ausgehandelt haben, was auch gut so ist, sonst könnten wir nicht zur Zufriedenheit unseres Chefs zusammenarbeiten. Mir sind mein Job und mein Erfolg wichtiger, als mich mit Malfoy zu streiten. Hey, wir sind erwachsen geworden! Und ja, er hat sich verändert. Ist dir denn nicht aufgefallen, dass er uns nicht mehr beleidigt? Er und Zabini sprechen nur das Nötigste mit uns, ansonsten ziehen sie ihr Ding alleine durch.“

Ron schaltete weiterhin auf stur. „Trotzdem kann ich Malfoy nicht leiden. Aber Zabini ist für einen Slytherin eigentlich ganz in Ordnung. Auch von ihm hätte ich mir niemals erwartet, dass er ein Auror wird.“

„Ex-Slytherin“, berichtigte Harry ihn. „Zabini hat sich schon während unserer Schulzeit aus allen Streitereien zwischen Malfoy und uns herausgehalten. Er steht genauso zu Malfoy, wie du zu mir, deshalb habe ich mich nicht im Geringsten darüber gewundert, dass auch er ein Auror geworden ist. Ganz ehrlich, Ron – haben wir uns je bemüht, die beiden wirklich kennen zu lernen? Nein. Hätten wir je gedacht, dass Malfoys Eltern als Spione für die Gute Seite gearbeitet haben? Nein! Ganz zu schweigen von den Vorurteilen, die Malfoy von uns hat und wir von ihm haben. Ich frage mich …“ Harrys nachdenklicher Blick verlor sich in der Ferne.

„Nein, Harry, nein, nein, nein, nein, nein“, schüttelte Ron demonstrativ den Kopf. „Du willst dich doch nicht fragen, ob Malfoy eine nette Seite an sich hat, oder?“

„Doch, das frage ich mich“, gab er zu.

Ron atmete tief durch, fuhr sich mit den Händen durch die Haare und sah seinen Freund nachdenklich an. „Du hast dich ebenfalls verändert, Kumpel. Früher hast du nichts als Hass für Malfoy empfunden, aber jetzt …“

„Wie schon gesagt: Ich bin erwachsen geworden – und ich muss mit ihm und Zabini zusammenarbeiten … Wir müssen das. Willst du dir freiwillig die Freude auf deinen Job versauen, indem du deinen Hass auf Malfoy ständig erneuerst, um die Vergangenheit ja nicht zu vergessen? Ganz ehrlich, damit tust du dir keinen Gefallen.“

Der Rotschopf sah Harry nachdenklich an. „Du hast Recht. Aber bitte verlange nicht von mir, dass ich mich Malfoy gegenüber von einem Tag auf den anderen ändere. Ich werde ihn weiterhin im Auge behalten! Und wenn er nur eine falsche Bewegung macht, dann …“

„Ja, ja, schon gut, Ron. Gehen wir weiter, der Chef wartet bereits auf uns.“ Harry drehte sich um und brachte die letzten Meter zum Büro seines Vorgesetzten hinter sich. Ron schloss seinen Mund, folgte Harry und sah nachdenklich zu Boden. Er wusste selbst nicht, weshalb er es nicht über sich brachte, den Hass auf Malfoy zu verringern. Immer, wenn er den Blonden sah, wollte er ihn erwürgen!

Ron bewunderte Harry dafür, die Gabe zu besitzen, verzeihen zu können. Vielleicht war es ihm auch leichter gefallen, nachdem der blonde Idiot die Gute Seite beim Endkampf unterstützt hatte. Ron hingegen tat sich sehr schwer, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Während ihrer Schulzeit hatte er zu oft brennenden Schmerz, Kränkung und unbändige Wut in Harrys Augen gelesen, wenn Malfoy auf ihn losgegangen war.

°


„Harry! Ron! Na endlich! Wieso habt ihr so lange gebraucht?“

Ron wurde aus seinen Gedanken gerissen und grinste seinen Chef an. „Du weißt ja, was Montagmorgen im Ministerium los ist. Wir mussten uns sozusagen durch die Menge kämpfen“, antwortete er gelassen. Sein Blick erfasste Blaise Zabini, der gelassen auf einem Stuhl vor dem Schreibtisch saß und ihm wortlos zunickte, Ron erwiderte dieses Nicken.

„Ja, das kann ich mir vorstellen.“ Der Chef der Autorenabteilung erhob sich. Er war ein untersetzter Mann mit Glatze und einem freundlichen Gesicht.

„Jungs? Ich habe einen kleinen Auftrag für euch“, nahm er ein Pergament vom Tisch und überreichte es an Harry.

„Worum geht’s?“, fragte der Auror, seine Augen flogen über die Zeilen.

„Das leerstehende Haus der McNairs muss eingehend untersucht werden. Bei ihrer Flucht ließen sie all ihre Habseligkeiten zurück. Minister Kingsley Shacklebolt vermutet, dass dort Fallen oder auch Hinweise auf den Verbleib der noch flüchtigen Todesser zu finden sein könnten.“

„Gut, wir erledigen das, Chef“, antwortete Harry und steckte das Pergament weg.

„Sehr schön. Blaise wird euch begleiten“, glitzerten die Augen ihres Vorgesetzten.

„Was? Aber wieso denn? Harry und ich bekommen das auch alleine hin!“, protestierte Ron sogleich und Blaise lachte leise los. Langsam erhob er sich aus seinem Stuhl und drehte sich den beiden Auroren zu.

„Drei Augenpaare sehen bekanntlich mehr als zwei – ist es nicht so, Weasley?“, fragte er ruhig.

Während Ron ergeben seufzte, lächelte Harry ihn freundlich an. „So ist es – gehen wir!“


°


Die drei Männer schritten wortlos durch die Korridore des Ministeriums, bis Ron diese Stille nicht mehr aushielt. „Sag mal, Harry, wann wirst du Ginny endlich einen Antrag machen?“

Harry seufzte und Blaise spitzte die Ohren. Soweit er wusste, waren Harry und Ginny schon seit Jahren zusammen.

„Ich bin noch nicht soweit, Ron“, entschied Harry, ehrlich zu sein.

„Bist du nicht? Immerhin bist du schon 24 Jahre alt, Mann. Das ist doch das richtige Alter, um zu heiraten. Gut, Hermine und ich haben uns schon früher getraut, aber …“

„Ihr hattet es wirklich ziemlich eilig, wie?“, fragte Blaise dazwischen.

„Wer hat dich denn gefragt, Zabini?“, knurrte Ron zurück, und wieder lachte Blaise leise auf.

„Tja, Ron, diesmal muss ich Zabini zustimmen, denn Hermine und du hattet es wirklich eilig – was ich aber nicht schlimm finde!“, beeilte sich Harry, schnell zu sagen, da Ron ihn angesäuert anblitzte. „Aber was Ginny und mich angeht …“ Harry rang nach Worten.

„Mal ehrlich, Potter, ist Weasley denn auch die Richtige für dich? Wartest du deshalb noch mit deinem Antrag?“, traute sich Blaise, mutig zu fragen. Ron wollte ihn bereits zur Schnecke machen, als Harry antwortete. „Ich … denke schon, dass sie die Richtige für mich ist.“

„Du denkst schon? Du solltest dir sicher sein! Ich war immer davon überzeugt, dass Ginny die Richtige für dich ist!“, warf Ron ein. Blaise hörte gespannt zu, denn dieses Gespräch versprach, interessant zu werden.

„Ron!“, rief Harry aus und atmete danach tief durch. „Ich weiß es eben nicht! Glaub mir, ich liebe Ginny über alles, und das weißt du auch! Aber eine Heirat sollte wirklich gut überlegt sein!“ Harry beruhigte sich wieder. „Ich bin mir nicht sicher, ob sie mich genauso liebt wie ich sie“, rückte er mit der Wahrheit heraus.

„Wieso zweifelst du an ihren Gefühlen?“, hakte Blaise nach. Da Ron dasselbe fragen wollte, nickte er wie wild, gebannt sah er Harry an.

Harry zuckte die Schultern. „Ich kann euch keine konkreten Beispiele nennen, aber manchmal beschleicht mich schon das Gefühl, dass sie mich eben nicht wirklich liebt.“

„Blödsinn!“, spuckte Ron aus. „Ginny liebt dich über alles! Ständig liegt sie mir in den Ohren, wie toll du doch bist, wie leidenschaftlich euer Sex ist …“ Bei dieser Erwähnung verzog Ron sein Gesicht und Blaise grinste schief. „… und wie fantastisch ihr euch versteht! Sie ist der Ansicht, dass du der Mann ihres Lebens bist!“

„Wirklich?“, lächelte Harry ihn hoffnungsvoll an und Ron nickte überzeugt. „Wirklich!“

„Es sieht wohl so aus, als wären deine Zweifel unbegründet“, schaltete sich Blaise wieder ein.

„Ja, scheint so“, murmelte Harry vor sich hin. „Vielleicht mache ich ihr doch noch einen Antrag.“

„Klasse!“, rief Ron begeistert aus und strahlte übers gesamte Gesicht. Nur Blaise runzelte seine Stirn, da Harry alles Andere als glücklich aussah. Er wusste zwar nicht viel über Harry Potter, aber mindestens so viel, dass er sich immer auf sein Gefühl verließ. Was war also der Grund dafür, dass er dennoch zweifelte?


°


Die drei Männer kamen in der Eingangshalle an und nahmen nacheinander die Telefonzelle nach oben.  Harry holte das Pergament hervor, las den beiden die Adresse vor und nickte ihnen anschließend zu – dann apparierten sie.

Vor dem verlassenen Haus der McNairs, welches ziemlich heruntergekommen aussah, sprachen sie sich noch einmal miteinander ab und gingen gemeinsam auf die Haustür zu. Blaise öffnete sie, zückte seinen Zauberstab und sah sich im Inneren des Hauses um. Überall lag Staub und die Schritte der drei Auroren hinterließen Abdrücke auf dem Boden.

„Ron? Ich nehme mir das Erdgeschoss vor“, informierte Harry ihn.

„Gut, dann nehme ich das Obergeschoss“, antwortete sein Freund und Kollege und flitzte die Stufen hoch.

„Macht es dir etwas aus, wenn ich mit dir das Erdgeschoss absuche?“, wandte sich Blaise an Harry.

„Nein. Nimm du dir die Küche vor, ich gehe ins Wohnzimmer“, schlug Harry ihm vor. Blaise nickte.

Harry betrat mit äußerster Wachsamkeit das Wohnzimmer und bezwang seinen Niesreiz. Hier war schon lange nicht mehr gelüftet worden, denn die Staubpartikel hingen noch immer in der Luft und reizten seine Schleimhäute. Harry untersuchte jeden Winkel mit präziser Genauigkeit, aber von Beweisen oder Fallen fehlte jegliche Spur. Ein riesiger Holzkasten mit vielen Verzierungen erweckte Harrys Aufmerksamkeit, er ging darauf zu.

Der Inhalt dessen war nicht besonders berauschend und für ihn schon gar nicht interessant, trotzdem ließ Harry seinen Zauberstab über die unterschiedlichen Bücher wandern, die kreuz und quer darin lagerten. Schließlich entdeckte er einen schwachen Schein zwischen den Einbänden, nahm eines der verstaubten Werke heraus und legte es beiseite. Harry stellte fest, dass dieser Kasten ein Geheimfach besaß, suchte im Spalt nach einem kleinen Stift und drückte ihn ein. Gespannt sah er dabei zu, wie sich die Holzwand beiseite schob und ein Denkarium zum Vorschein kam.

„Na sieh einer an“, war Harry mit seinem Fund zufrieden. Er steckte den Zauberstab weg, schob die Bücher grob beiseite, nahm das Denkarium an sich und setzte sich auf die Couch. Das Gefäß stellte er auf dem Tisch ab und er überlegte, ob er einen Blick in die Erinnerungen der Familie McNair werfen sollte. Seine Neugierde ließ ihm keine Ruhe und so beugte er sich vor und kam mit seinem Gesicht der glitzernden blauen Flüssigkeit immer näher …

POTTER! NICHT!“, brüllte Blaise los, doch es war bereits zu spät.

Sein Gesicht berührte die Flüssigkeit. Doch anstatt in die Erinnerungen der McNairs einzudringen, geschah etwas vollkommen Anderes: Etwas, das sein Leben für immer verändern würde. Es war eine Falle! Harry sah eine riesige Flamme rasend schnell auf sich zukommen, und als sie sein Gesicht berührte, explodierte alles um ihn herum, dann verlor er sein Bewusstsein.


°


Alles, was er fühlte, waren höllische Schmerzen. Sein Gesicht spannte unangenehm und pochte, ein Piepsen drang an seine Ohren. Harry erwachte, aber er schaffte es nicht, seine Augen zu öffnen.

… wird es überleben …
… verbrannte Haut …
Operation notwendig …
… Narben werden bleiben

Schluchzen mischte sich unter die gehörten Wortfetzen, aber Harry konnte es nicht zuordnen. Wo war er eigentlich?

Harry? Harry! Harry, hörst du mich? Schatz? Oh mein Gott, Harry! Alles wird gut, ich verspreche es dir!“, hörte er eine bekannte Stimme wie aus weiter Ferne.  

Harry öffnete mühsam einen Spalt breit seine Augen und sah verschwommen das Gesicht seiner Freundin Ginny. Ihr rotflammendes Haar floss über ihre Schultern, sie weinte. Die Schmerzen, die Harry fühlte, waren so stark, dass sie ihn erneut in eine Ohnmacht schickten.

Wieder riss dieses Piepsen ihn aus seiner Schwärze, ein gequältes Stöhnen kroch aus seinem Mund. Wie lange war er diesmal weggetreten gewesen?

„Kumpel? Bist du wach? Harry …“ Jemand drückte seine Hand. War es Ron? Der Stimme nach schon.

„Verdammt, Potter, wieso hast du nicht auf mich gehört“, wisperte eine zweite Stimme, die wohl zu Blaise Zabini gehörte. Harry öffnete erneut seine Augen, er sah noch immer unscharf.

„Warte, ich setze dir die Brille auf – wenn das irgendwie möglich ist.“ Ron nahm Harrys Ersatzbrille vom Nachttisch und versuchte, sie auf Harrys Nase aufzusetzen, doch seine Bemühungen scheiterten.

„Ron?“, nuschelte Harry undeutlich.

„Ja, ich bin hier, Kumpel.“ Klang seine Stimme etwa besorgt?

„Was ist passiert?“, brachte Harry mühsam hervor.  Seine Hände tasteten sein Gesicht ab und fühlten dicke Bandagen. „Was?!

„Ruhig, Potter, ganz ruhig. Bitte, du darfst dich jetzt nicht aufregen, okay? Übrigens: Du bist im St. Mungos“, trat Blaise in sein kleines Sichtfenster und das Piepsen ertönte in immer kürzeren Abständen.

„Sie haben dich an einem Monitor angeschlossen, er misst deine Herzfrequenz“, erklärte Blaise ihm und kam so nahe an Harrys Gesicht heran, dass Harry ihn deutlicher sehen konnte.

„Weasley? Gib mir mal die Brille, ich versuche es“, hielt er die Hand auf und Ron gehorchte wortlos. Blaise gab sich Mühe, Harry keine Schmerzen zuzufügen, als er ihm die Brille aufsetzte – endlich konnte Harry wieder scharf sehen.  

„Was ist passiert?“, wiederholte sich Harry mit schwacher Stimme. Ron und Blaise warfen sich besorgte Blicke zu.

„Du hättest nicht in das Denkarium hineinsehen sollen, denn es war eine Falle. McNair hatte es so verzaubert, dass es sich bei Fremden verteidigt. Du hast den Flammenfluch aktiviert – er hat dein Gesicht verbrannt …“

„Verbrannt?“, wimmerte Harry und tastete mit seiner Hand nach Rons. Ron nahm sie in beide Hände und drückte sie fest.

„Ja, Kumpel. Aber du hattest Glück im Unglück. Deine Lippen und deine Augen blieben unversehrt. Die Brille, die du jetzt aufhast, ist deine Ersatzbrille, die andere ist zerstört.“

„Oh Gott“, keuchte Harry auf und die Schmerzen wurden schlimmer. Er war entstellt! Wahrscheinlich für immer!

„Gibt es Hoffnung für mein Gesicht?“, fragte er leise.

Blaise senkte den Blick auf die Decke. „Du wurdest vor zwei Stunden notoperiert. Die Ärzte können noch nicht sagen, ob die OP erfolgreich war. Höchstwahrscheinlich werden Narben zurückbleiben.“

„Ich bin entstellt“, antwortete Harry fassungslos, „für immer entstellt.“

„Sag so was nicht, Harry! Du darfst die Hoffnung nicht aufgeben!“, gab Ron sich optimistisch.  

„Ich bin so ein Idiot“, schimpfte Harry mit sich selbst. „Ich hätte es besser wissen müssen …“

„Mann, mach dir keine Vorwürfe, jedem passieren mal Fehler“, sprach Blaise dagegen.

„Fehler? FEHLER?!“, rief Harry aus und sein Gesicht explodierte vor Schmerzen. „SOLCHE FEHLER MACHT MAN ALS AUROR NICHT!“ Vor seinen Augen begann es zu flimmern und zu zucken, dann wurde wieder alles schwarz um ihn herum.  


°


Blaise und Ron waren geschockt über Harrys Ausbruch und fühlten sich hilflos. Einerseits hatte Harry Recht, andererseits machten Menschen nun mal Fehler – auch als Auror. Dass Harry aber sichtbare Folgen davontragen würde, hatte er wirklich nicht verdient! Als Harry bewusstlos in sich zusammensackte, stürmten ein Arzt und eine Schwester das Zimmer und untersuchten ihn. Die Schwester verabreichte Harry eine Spritze.

„Was haben Sie mit ihm gemacht?“, fragte Ron nach und der Arzt drehte sich zu ihm um.

„Schwester Hilda gab ihm sicherheitshalber eine Beruhigungsspritze, nun wird er für längere Zeit schlafen. Damit Mr. Potters Wunden heilen können, wird er noch heute in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt, der eine Woche anhält. Danach sehen wir weiter. Ich möchte Sie vorwarnen: Sobald Mr. Potter die Verbände abgenommen werden, könnte sein Anblick Sie schockieren. Sie müssen sich auf alles einstellen und sich ihm gegenüber normal verhalten. Und jetzt gehen Sie bitte, Mr. Potter braucht Ruhe.“  

Ron und Blaise nickten und verließen das Zimmer. Blaise schloss von außen die Tür.

„Harry wird nie wieder so aussehen wie früher, oder?“, flüsterte Ron zu Boden sehend.

„Ich befürchte es“, erwiderte Blaise leise und Ron verzweifelte. Nicht einmal die Trost spendende Hand auf seiner Schulter konnte daran etwas ändern …


°


In der kommenden Woche besuchten Ginny, Hermine, Ron und Blaise ihren Freund und Kollegen so oft es ihre Zeit zuließ, sie gaben sich praktisch die Klinke in die Hand.

Ginny war kaum wieder zu erkennen. Sie war sehr nahe am Wasser gebaut und verstand beim besten Willen nicht, weshalb ausgerechnet ihrem Harry so ein grausames Schicksal zuteil wurde. Hermine stand meist daneben, sie sah sehr ungesund und übermüdet aus und ließ Harry nicht aus ihren Augen. Zwar versuchte sie, Ginny zu trösten, aber auch sie sorgte sich sehr um ihren besten Freund. Auch wenn er nach der Abnahme der Bandagen vielleicht nicht mehr wieder zu erkennen war – er würde für immer und ewig ihr Harry bleiben. Daran gab es nichts zu rütteln.

Genauso sah es Ron. Er redete stundenlang mit ihm, stellte ein Schachbrett auf und spielte gegen sich selbst, aber immer darauf bedacht, Harry mit Engelsgeduld seine Züge zu erklären, auch wenn er ihn nicht hören konnte. Mit Argusaugen überwachte Ron die Visiten der Ärzte und fragte ständig nach, was sie Harry gaben und wie sie ihm helfen wollten. Wenn er mal nicht bei Harry war, informierte er sich eingehend über jene Ärzte, die kosmetische Operationen durchführten. Wenn da nicht ständig die Erwähnung der Nebenwirkungen wäre! Es musste doch irgendwo auf dieser verdammten Welt einen Chirurgen geben, der Harry ohne Nebenwirkungen und ungewissem Ausgang auf Erfolg behandeln konnte! Ron schwankte zwischen Hoffnung und Verzweiflung und schlussendlich gab er es auf, da keiner der Ärzte ihm dieses Versprechen geben wollte.

Blaise war zwar nicht mit Harry befreundet, aber er ließ es sich nicht nehmen, seinem Kollegen hin und wieder einen Besuch abzustatten. Der Auror gab sich unter anderem die Schuld an Harrys grausamem Schicksal. Hätte er ihn bloß nicht alleine gelassen! Er wusste doch, wie neugierig Harry war! Zudem machte sich Blaise oft Gedanken um dessen Zukunft. Würde er als Auror ins Ministerium zurückkehren? Würde er psychische Schäden davontragen? Würde er überhaupt jemanden an sich heranlassen? Das alles hing von dem Ergebnis der OP ab.

Es geschah an einem Freitag, als Blaise sich bei Harry aufhielt und Ginny in das Krankenzimmer eintrat. Ohne ihn zu beachten, ging sie auf ihren Freund zu und erzählte ihm von ihrem Tag. Was sie alles erlebt hatte, die ständigen Fragen ihrer Kollegen bezüglich Harry … Blaise runzelte die Stirn. Bildete er es sich nur ein, oder machte sich Ginny um ihren Ruf Sorgen? Konnte es sein, dass Ginny Harrys Aussehen wichtig war? Natürlich, das Aussehen des Partners spielte auf jeden Fall eine Rolle, aber wenn man sich wirklich liebte, würde man auch so einen Schicksalsschlag verkraften! Oder?

Ginny seufzte theatralisch und jammerte dem schlafenden Harry ununterbrochen etwas vor. Als sie endlich verstummte und sich anscheinend alles von der Seele gesprochen hatte, schnappte sie ihre Tasche und verschwand wieder – ohne sich von Blaise zu verabschieden oder Harrys Lippen zum Abschied zu küssen. Blaise schüttelte nur den Kopf und blickte auf die Bandagen, die Harrys Kopf und Hals umgaben.

Er seufzte. „Vielleicht hattest du mit deinen Zweifeln Recht, Potter.“  


°


Der Tag der Entscheidung kam. Harry erwachte langsam aus seinem Tiefschlaf und schluckte, um seinen Hals zu befeuchten. Dass sein Hals kratzte, wunderte ihn ein wenig, denn noch wusste er nicht, dass er eine Woche lang weggetreten war und mittels Sonde ernährt werden musste.

„Mister Potter? Wie geht es Ihnen? Haben Sie Schmerzen?“, fragte ihn ein Mann im weißen Kittel.

„Ich habe keine Schmerzen, aber ich fühle mich so schlapp“, antwortete er leise.

„Das ist normal. Wir haben Sie eine Woche lang in einen Tiefschlaf versetzt, damit Ihr Wunden heilen konnten.“

„Wann bekomme ich die Bandagen ab?“, fragte Harry ihn.

Der Arzt lächelte milde. „Heute Nachmittag. Und nun schlafen Sie noch ein wenig, ich komme später noch einmal zu Ihnen.“

Harry nickte müde, schloss die Augen und schlief auf der Stelle ein. Als er das nächste Mal erwachte, lächelten seine Freunde ihm entgegen. Sogar Blaise Zabini stand an seinem Bett!

„Hallo mein Schatz“, flüsterte Ginny erstickt und unter Tränen. „Wie geht es dir?“

„Müde, aber gut“, erwiderte er leise.

„Bist du bereit?“ Ron war nervös.

„Nein.“ Harry schloss die Augen. Er hatte Angst von den Reaktionen seiner Freunde und Blaise.

Leise ging die Tür auf und Harrys zuständiger Arzt und Schwester Hilda traten ein. Beide lächelten Harry aufmunternd zu und traten an ihn heran.

„Wir nehmen Ihnen jetzt die Verbände ab, einverstanden?“, vergewisserte sich der Arzt freundlich und Harry nickte. Schwester Hilda setzte die Schere an, durchschnitt das Klebeband und begann, den Verband vom Kopf abwärts zu entfernen.

Die vier Besucher hielten den Atem an. Zuerst zeigte sich Harrys schwarzer Schopf, dann kam die Stirn zum Vorschein: Sie wies eine runzlige, etwas gerötete Haut auf. Hermine biss die Zähne zusammen und Ginny schluckte schwer. Würde Harrys Gesicht genauso aussehen?

„Oh mein Gott“, flüsterte Ron, als Stück für Stück Harrys Gesicht zu sehen war. Das Einzige, was man noch von seinem alten Aussehen erkennen konnte, waren zum Beispiel die Ansätze der Augenbrauen, auf denen sich nur noch wenige kleine Härchen befanden. Rund um die Augenpartien zeigte sich jedoch die alte, glatte Haut, die ihr Überleben wohl der zerstörten Brille schuldete. Die Nase und die Wangenpartien besaßen zwar noch ihre ursprüngliche Form, doch die neue, runzlige Haut und auch die Narben veränderten ihr Aussehen. Wie Ron schon vor mehr als einer Woche erwähnt hatte, waren Harrys Lippen vom Feuer verschont geblieben, dafür hatte es sein Kinn und den Ansatz seines Halses schlimm erwischt.

Ginny schlug sich die Hand vor den Mund, schüttelte den Kopf und weinte bitterliche Tränen. Sie drehte Harry den Rücken zu. Ihre Reaktion versetzte Harry einen scharfen Stich ins Herz. Er senkte rasch den Blick, denn er ertrug die schockierten Gesichter seiner drei Freunde nicht mehr. Einzig und alleine Blaise verzog keinen Gesichtsmuskel.

„Geht“, bat Harry sie leise.

„Aber Harry“, trat Ron auf ihn zu. „Wir …“

Ihr sollt verschwinden! SOFORT!“, brüllte Harry sie mit wässrigen Augen an.

Blaise reagierte und nickte Harry stumm zu. Er kümmerte sich um Ron, Hermine und Ginny und beförderte sie augenblicklich aus dem Krankenzimmer.

„Spiegel. Geben Sie mir den verdammten Spiegel!“, schnauzte Harry den Arzt an, der Harrys Befehl nachkam. Den Spiegel in der Hand atmete Harry tief durch und führte ihn in Richtung Gesicht. Und als er sich das erste Mal darin betrachtete, blieb ihm fast das Herz stehen. Das war nicht er! Die Person, die ihm entgegen blickte, war ein Monster! Harrys Augen begannen zu brennen, seine Schultern fingen an zu zucken und ein verzweifeltes Schluchzen kämpfte sich aus seiner Kehle. Hemmungslos fing er an zu weinen und schaffte es nicht, sich zu beruhigen.

„Bitte, Mister Potter, Sie müssen Ihrem Gesicht noch etwas mehr Zeit geben! Die neue Haut ist noch ziemlich angeschwollen und gerötet …“, beschwichtigte ihn der Arzt.

Und wenn meine neue Haut ausgeheilt ist?“, blaffte Harry ihn schluchzend an. „Sehe ich dann besser aus?“ Er sah sich mit dem bedauernden Blick des Arztes konfrontiert.

Verschwinden Sie! Sie beide!“, rastete Harry völlig aus, der Arzt und die Schwester flüchteten.

Jetzt war Harry alleine, alleine mit sich und seinem entstellten Gesicht. Harry schluchzte erneut los, verbarg seine Verunstaltung hinter seinen Händen und wünschte sich, bei diesem Anschlag nicht überlebt zu haben.  


°°°°


Inzwischen waren mehr als drei Wochen vergangen und es war das eingetreten, was Blaise bereits geahnt hatte. In einem Brief an seinen Vorgesetzten informierte Harry ihn über seine fristlose Kündigung und dass er weitere Versuche, ihn zur Rückkehr zu überreden, nicht akzeptieren würde. Der Chef der Aurorenabteilung war wie vor den Kopf gestoßen und brauchte einige Minuten, um Harrys Entscheidung zu akzeptieren. Allerdings konnte er Harry Potter auch verstehen. Ihn verloren zu haben, musste er erst einmal verdauen.

Harry bewohnte das von ihm wieder aufgebaute Haus seiner verstorbenen Eltern und schätzte seine freundliche Nachbarin sehr. Sie waren immer sehr vertraut miteinander umgegangen und hatten sich die Zeit genommen, jeden Morgen ein fünfminütiges Schwätzchen zu halten. Doch seit drei Wochen wartete Amanda Hawkins, sie wohnte ihm gegenüber, erfolglos auf das Auftauchen des jungen freundlichen Mannes. Wieso zeigte er sich nicht mehr?

Was sie nicht wissen konnte, war, dass Harry sich seit seiner Entlassung aus dem St. Mungos in seinem Haus verschanzte und gar nicht mehr hinaus ging. Alle Spiegel waren entweder mit einem Zauber verschleiert oder zerbrochen, denn Harry ertrug seinen eigenen Anblick nicht mehr. In schlimmen Depressionen gefangen saß er auf der Kante seines Bettes und betrachtete sein linkes Handgelenk. In der anderen Hand hielt er eine messerscharfe Rasierklinge. Mit klopfendem Herzen führte er sie an das Handgelenkt heran und hielt plötzlich inne, als Hedwig laut zu fiepen anfing und wild mit ihren Flügeln schlug. Harry schloss für einen Moment die Augen, legte die Klinge beiseite und stand auf. Besorgt ging er auf Hedwig zu und streichelte sie zart.

„Was ist denn los, meine Schöne?“, flüsterte er ihr zu. Hedwig fiepte erneut. Als Harry mit seinen Fingerkuppen über ihre Brust strich, spürte er den rasenden Herzschlag seiner Eule und bekam sofort ein schlechtes Gewissen. War sein Tier so intelligent, so intuitiv, um zu wissen, dass Harry mit dem Gedanken spielte, sich das Leben zu nehmen? Sein schlechtes Gewissen nahm zu und drohte ihn zu ersticken. Was würde seine Hedwig nur ohne ihn machen?

„Es tut mir so leid“, wisperte er und umarmte seine schöne Eule mit aller Vorsicht. Hedwig knapperte verspielt an seinem Ohr und ihr Herzschlag beruhigte sich wieder. Ihr leises, zufriedenes Fiepen drang an sein Ohr.

„Okay, okay, ich verspreche dir, nie wieder daran zu denken, in Ordnung?“ Harry ließ sie los. Seine Eule sah ihn an, als ob sie die Ehrlichkeit seiner Worte prüfen wollte.

„Ich meine es ernst, Hedwig. Es ist nur …“ Harry seufzte, zog einen Stuhl an sich heran und setzte sich ihr gegenüber. „Ich erkenne mich nicht mehr wieder, versteht du? Ich bin ein Monster! Ich schäme mich so sehr für mein hässliches Aussehen, dass ich sogar meine Freunde nicht mehr an mich heran lasse. Wie oft haben Ron und Hermine versucht, mich zu besuchen? Wie oft habe ich ihre Briefe abgelehnt und unbeantwortet zurückgeschickt? Und Ginny …“ Harry blickte seiner Eule tief in die Augen. „Auch sie stoße ich von mir, wobei sie …“

Aus dem Erdgeschoss ertönte das Schellen der Klingel.

„Ich komme gleich wieder, Hedwig“, stand Harry auf und verließ das abgedunkelte Schlafzimmer. Mit leisen Tritten stieg er die Treppe hinab und bewegte sich auf die Tür zu. Wer es wohl diesmal war?

„Potter? Mach auf! Ich weiß, dass du zuhause bist und an der Tür lauscht!“

Harry atmete erleichtert auf und öffnete rasch, damit Blaise eintreten konnte. Blaise war der Einzige, zu dem er den Kontakt aufrecht hielt, da er ihm nicht so nahe stand wie Ginny, Ron und Hermine.

„Hier“, drückte Blaise ihm seinen Einkauf in die Hand und marschierte an ihm vorbei in die Küche. Harry schloss die Tür und folgte ihm. Neugierig begutachtete er die Lebensmittel und räumte sie anschließend in den Kühlschrank ein.

„Du bekommst noch Geld von mir“, sagte Harry, ohne ihn dabei anzusehen.

„Lass stecken, Potter, heute lade ich dich ein.“

„Wieso?“ Harry schloss den Kühlschrank und drehte sich um. Es wunderte ihn noch immer, weshalb Blaise ihn nicht schockiert oder angewidert ansah. Sein Blick war eher neutral, so, als ob Harrys Entstellung nicht vorhanden wäre.

„Weil ich heute gut aufgelegt bin.“ Blaise setzte sich an den Esstisch. „Und weil ich Hunger habe. Als ich letzte Woche hier war, hat es so gut gerochen! Da lief mir das Wasser im Mund zusammen.“

„Du hast Hunger?“ Harry setzte sich ihm gegenüber. „Dann sei heute mein Gast und ich koche uns was.“

„Das höre ich gerne“, lächelte Blaise. Als Harry sich erheben wollte, hielt er ihn zurück. „Noch was. Es fände es schön, wenn du mich Blaise nennen würdest.“

Harry musterte ihn lange und suchte in Blaise´ Augen nach einem besonderen Grund für seine Bitte. „Weshalb? Hast du etwa Mitleid mit mir? Ist es das?“ Harrys Stimme klang hart.

„Nein“, antwortete Blaise ruhig. „Dein Aussehen ist mir völlig egal. - Bleib bitte noch etwas sitzen, denn ich verrate dir jetzt etwas über uns Slytherins.“ Blaise lehnte sich vor. Sein Blick war so intensiv und unvoreingenommen, dass Harry sich etwas unwohl fühlte.

„Du siehst dich noch immer als Slytherin?“, wunderte sich Harry.

„In gewisser Hinsicht schon. Einmal ein Slytherin, immer ein Slytherin. Ich wollte dich schon immer näher kennen lernen, Harry Potter, aber irgendwie hat sich die Gelegenheit nie ergeben. Ich denke, jetzt ist meine Chance gekommen. … Ich weiß auch, dass du mich empfängst, weil du dich nicht vor mir schämst, denn ich stehe dir nicht so nahe wie deine Freunde. Mann, Harry, weshalb tust du dir das an? So schlimm siehst du auch wieder nicht aus“, seufzte er. Zwar war das mit Harrys Aussehen glatt untertrieben, aber Blaise hatte sich bereits an seinen Anblick gewöhnt.  

„Lüg mich nicht an, Blaise“, konterte sein Gastgeber im ruhigen Tonfall. „Ich weiß, wie hässlich ich aussehe, aber das scheint dich nicht zu stören.“

„Tut es auch nicht. Wir Slytherins leben nach dem Motto, die Menschen nach anderen Werten zu beurteilen.“

„Genau!“, schnaufte Harry. „Deshalb hat Malfoy mich auch immer Narbengesicht genannt.“

Blaise schüttelte amüsiert den Kopf, seine fast schwarzen Augen funkelten. „Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass Draco dich deshalb so nannte, weil es dich eben gestört hat? Draco hat dich studiert! Alles, was dir quer geschlagen ist, verwendete er gegen dich, nur um dich zu ärgern.“

Harry erinnerte sich zurück. „Ja, das klingt ganz nach Malfoy. – Wie lange bleibt er eigentlich noch im Ausland?“

„Hm, ich schätze, noch eine Woche, dann sehe ich ihn endlich wieder! Und weil er seine Wohnung wegen des Auslandjobs verkauft hat, zieht er vorrübergehend bei mir ein – dann bilden wir eine WG!“, freute sich Blaise. Harrys Versuch zu schmunzeln, scheiterte kläglich. Zu sehr beneidete er ihn in diesem Moment um seine Vorfreude. Der Inhaber des Hauses stand auf und machte sich daran, das heutige Mittagessen zuzubereiten. Während die Düfte durch die Küche zogen und Blaise hungrig zu schnuppern begann, flatterte Hedwig in die Küche und setzte sich auf eine der Stuhllehnen.

„Sie ist sehr schön“, betrachtete Blaise Hedwig versonnen.

„Ja, das ist sie.“ Während das Geschnetzelte vor sich hin köchelte, zerteilte Harry den Salat und wusch ihn.

„Du kannst nicht ewig wie ein Einsiedlerkrebs leben, Harry. Das ist nicht gut für Körper, Geist und Seele“, klebte Blaise´ Blick an Harrys Rücken, er streichelte Hedwigs Gefieder.

„Ich weiß, aber ich kann mich nicht überwinden. Ich will alleine sein, verstehst du? Diese Blicke …“

„Verstehe“, nickte Blaise. „Sie sehen dich alle entweder angeekelt oder mitleidig an, stimmt’s?“

„Ja.“

„Scheiß doch drauf, was die anderen denken! Sollen sie doch! Wenn dich jemand blöd ansieht, dann frag ihn einfach, ob er ein Problem hat. Das würde ich an deiner Stelle tun.“

„Du bist aber nicht an meiner Stelle, Blaise. Und du weißt auch nicht, was für ein beschissenes Gefühl das ist, als Monster bezeichnet zu werden!“, schnappte Harry.

„Was? Wer hat dich als Monster beschimpft?“, riss Blaise die Augen auf.

„Es war ein kleines Mädchen – in der Winkelgasse.“

Blaise seufzte. „Kinder können manchmal so grausam sein.“ Ein bedauerliches Kopfschütteln folgte.    

„Grausam?“ Harry lachte freudlos auf. „Nein, sie sagen nur die Wahrheit.“

Das Essen war fertig und Blaise half seinem Ex-Kollegen, den Tisch zu decken. Als Blaise den ersten Bissen in seinem Mund zergehen ließ, schloss er genüsslich die Augen, was Harry ein klein wenig freute.

„Es schmeckt hervorragend, Harry. Woher kannst du so gut kochen?“, schmatzte Blaise vor sich hin.

„Ich musste für meine Verwandten kochen“, hielt sich Harry knapp. Lustlos stocherte er in seinem Essen herum.

Blaise beobachtete ihn. Seit einiger Zeit ging er für Harry einkaufen und gab sich Mühe, neben den notwendigen Lebensmitteln auch Zutaten zu kaufen, mit denen Harry köstliche Menüs zaubern konnte. Wieso war er dann so dünn geworden? Aß er nichts? Oder nur wenig? - War seine Psyche so schwer angeknackst? Ganz sicher sogar. Litt seine Seele? Bestimmt. Wollte er mit diesem Gesicht noch weiterleben? Blaise zuckte zusammen, sein Herz verkrampfte sich. Er hatte sich selbst eine Frage gestellt, die ihm Angst machte, Angst um Harry.

„Iss was, Harry.“

„Ich hab keinen Hunger.“

„Du musst etwas essen und wieder zunehmen.“ Blaise klang mehr als besorgt. Harry sah endlich von seinem vollen Teller auf, und dieser Blick, der Blaise gefangen hielt, ließ ihn erschaudern. „Harry?“ Es war nur die Erwähnung seines Namens und doch steckten so viele Fragen in diesem einen Wort.

„Ich will nicht mehr – ich kann nicht mehr“, beichtete Harry mit erstickter Stimme. Blaise legte alarmiert seine Gabel beiseite, stand auf, umrundete den Tisch und setzte sich an Harrys Seite.

„Sieh mich an.“

Harry reagierte nicht.

„Sieh mich an!“, befahl Blaise ihm und endlich gehorchte er. Blaise erkannte in Harrys Augen die Verzweiflung und die Aufgabe – er musste etwas unternehmen!

„Hör mir genau zu“, bestimmte der ehemalige Slytherin. „Ich kann zwar nicht nachempfinden, wie du dich fühlst, aber ich mache mir ernsthafte Sorgen um deine Psyche. Wenn du nicht bald wieder du selbst wirst und einen Weg findest, mit deinem Schicksal klarzukommen, werde ich nachhelfen. Du fragst dich, wie? Es gibt genügend magische Psychiater, die dir helfen können. Und glaube mir, ich kenne Mittel und Wege, dich zu einem von ihnen zu bringen. – Hat der Arzt im St. Mungos dir nicht einen Termin bei einem der besten Psychiater verschafft?“, erinnerte sich Blaise dunkel daran.

„Ja, hat er, aber ich bin nicht hingegangen.“

„Harry!“

„Blaise!“, schrie Harry verzweifelt zurück. „Ich brauche noch Zeit, verstehst du?! Ich bin noch nicht so weit, mit einem wildfremden Menschen über mein … über das alles zu reden!“

„Okay, okay“, lenkte Blaise sofort ein. „Was … kann ich denn für dich tun?“

„Nichts“, wisperte Harry, „gar nichts.“

„Hör mal. Du kennst mich noch nicht so lange, also ich meine, so richtig, verstehst du? Aber ich will, dass du lebst und dass du wieder glücklich bist. Ich sehe dir an, dass du dich aufgibst, aber das akzeptiere ich nicht. Wenn du nicht zu einem Psychiater gehen willst, dann werde ich mir etwas einfallen lassen. Irgendetwas, was dich wieder aus deinem tiefen Loch reist.“

„Ich wüsste nichts, womit du mir helfen kannst“, zuckte Harry die Schultern.

„Mir fällt schon was ein, versprochen. Und ich gebe dir mein Ehrenwort als Slytherin, dass meine Methode dir helfen wird. Zwar hab ich jetzt noch keinen Plan, aber der kommt schon noch! Aber jetzt musst du was essen, okay? Bitte! Tu’s für mich!“ Blaise bettelte nie, doch heute machte er eine Ausnahme.

„Wieso bist du so besorgt um mich? Es kann dir doch egal sein, ob ich mich schon längst aufgegeben habe oder nicht“, erwiderte Harry ohne Emotionen.

Blaise verschlug es für einen Moment die Sprache, doch dann atmete er tief durch. „Weil ich dich mag und du mir nicht egal bist, verstehst du? Ich - warte.“ Blaise zog seinen Zauberstab, schwang ihn und auf dem Tisch erschien ein kleines verziertes Kästchen.

Harry wurde neugierig. „Was ist das?“

„Das, mein lieber Harry …“ Blaise zog das Kästchen an sich heran und strich liebevoll mit seinen Fingern darüber. Harry kam in den Sinn, dass es sehr teuer gewesen sein musste.

„Mach es auf“, nickte Blaise dem Schwarzhaarigen aufmunternd zu. Harry öffnete es und entdeckte auf grünem Samt gebettet eine kleine Karte, auf der Folgendes stand:

Ich möchte dir gerne meine Freundschaft schenken.
Wenn du sie annimmst, verspreche ich dir, dass sie für dich kostbar sein wird.
Blaise

Harry war gerührt, so gerührt, dass seine Sicht verschwamm. Seitdem er mit dieser Entstellung leben musste, war er ziemlich empfindlich geworden. „Du meinst das ernst, nicht wahr?“, fragte er leise.

„Es ist mir sehr ernst, Harry. Aber die Entscheidung liegt bei dir.“ Blaise biss nervös auf seiner Lippe herum und wartete Harrys Antwort ab.

„Was wird Malfoy dazu sagen?“, überlegte Harry.

„Er wird es akzeptieren müssen. Ich habe mir nie von ihm vorschreiben lassen, mit wem ich befreundet bin und mit wem nicht. Aber er weiß, dass ich sehr wählerisch in Punkto Freundschaften schließen bin. Wie ich schon sagte: Für mich zählen andere Werte als das Aussehen.“

Harry fand keine Worte, dafür nickte er und schaffte es tatsächlich, seine Lippen zu einem angedeuteten Schmunzeln zu verziehen. Sein neuer Freund Blaise strahlte ihn an, dann schob er den Teller näher an Harry heran. „Und jetzt bitte ich dich als nerviger Freund, wenigstens ein bisschen zu essen.“ Und das tat Harry dann auch.


°


Da Harry sehr wortkarg war, übernahm Blaise das Reden und erzählte alles, was ihm einfiel. Er versuchte, Harry ein wenig zum Lachen zu bringen, aber leider gelang es ihm nicht. Dafür lauschte Harry interessiert und vergaß für einen kurzen Moment sein Schicksal.

Als es für Blaise Zeit wurde, nach Hause zurückzukehren, begleitete Harry ihn zur Tür und verspürte zum ersten Mal ein wenig Bedauern und auch Furcht vor dem Alleinsein.

„Du schaffst das, Harry, auch diese schwere Phase. Vergiss nicht, dass ich für dich da bin. Wenn du mich brauchst, dann schick mir Hedwig und ich komme zu dir, einverstanden?“ Blaise lächelte Harry warm an.

„Mach ich“, versprach Harry.

„Oh, bevor ich es vergesse.“ Blaise wirkte etwas zerknirscht. „Nächste Woche kann ich leider nicht für dich einkaufen gehen, der Chef hat mich bis obenhin mit Arbeit eingedeckt. Entweder du wagst einen zweiten Versuch und traust dich hinaus, oder du wendest dich an diesen Zauberlieferservice und bestellst alle Lebensmittel, die du brauchst.“ Der Auror überreichte Harry eine Karte.

„Danke.“

„Schönen Abend, Harry, und mach keinen Blödsinn.“ Warnend sah Blaise ihn an.

„Dir auch einen schönen Abend. Und keine Sorge, heute bin ich zu müde, um irgendwelchen Blödsinn zu tun.“

„Gut so – bis dann, ich melde mich bei dir.“ Der Auror öffnete die Tür und verließ bald darauf Harrys Anwesen.

Als die Tür ins Schloss fiel, fühlte sich Harry alleine und verlassen und überlegte lange, ob er sich bei Ron oder Hermine melden sollte. Da er aber zu gähnen anfing, vertagte er seine Überlegung auf morgen. Er stieg bereits die Treppe hoch, als es erneut an seiner Tür schellte. Hatte Blaise etwas vergessen? Harry kehrte sofort um und riss die Tür auf, doch an Stelle von Blaise stand Ginny vor ihm. Harry froren die Gesichtszüge ein, er verspannte sich.

„Hallo Harry“, grüßte sie ihn zaghaft. Sie vermied es tunlichst, ihm ins Gesicht zu sehen. „Darf ich reinkommen?“

Harry trat beiseite und ließ sie ein. Die Tür ins Schloss geknallt zog er die Kapuze über seinen Kopf, um sich wenigstens einen Hauch von Sicherheit zu verschaffen. Da ihm die Kapuze tief ins Gesicht hing, blieb ihm die Sicht auf Ginnys Gesicht erspart. Stur starrte er zu Boden.

„Harry, ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass …“ Harry hörte Ginny tief Luft holen. „Weißt du noch, als ich dir vor 2 Monaten erzählt habe, dass ich über ein sehr reizvolles Angebot nachdenke?“

Harry nickte und fixierte weiterhin den Boden. Die riesige Kluft, die zwischen ihm und Ginny klaffte, ließ sein Herz verkrampfen.

„Gestern bin ich noch einmal darauf angesprochen worden. Ich werde dieses Angebot annehmen und für ein paar Monate nach Australien reisen, um dort über die Tierwelt zu recherchieren. Du weißt, dass ich eines Tages besser als Rita Kimmkorn sein will. Lunas Vater erwartet das von mir. Immerhin bin ich seine beste Reporterin! - Verstehst du das, Harry?“

Harry verstand sehr wohl und ein harter Zug legte sich um seinen Mund. Wortlos ging er zur Tür und öffnete sie. „Geh.“

„Ach Harry. Du glaubst vielleicht, mein Entschluss hängt davon ab, dass du …“

Geh!“ Die Schärfe in seiner Stimme ließ Ginny zusammenzucken. „Harry, du musst mir glauben …!“  

Du sollst gehen! Sofort!

Ginny war den Tränen nahe, aber sie tat Harry diesen Gefallen. Bevor sie über die Schwelle trat, blieb sie noch einmal stehen, hob ihren Arm und legte ihre Hand auf Harrys entstelle Wange – sie fühlte sich nass an. „Es ist wirklich nicht wegen deines Aussehens, Liebling. Ich gehe auf Abstand zu dir, weil du dich von mir zurückgezogen hast. Du sperrst mich aus deinem Leben aus und gibst mir nicht die Chance, an dich heran zu kommen.“

Ginny versagte die Stimme, sie schniefte. Diesmal überwand sie sich, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ein letztes Mal seine Lippen. „Mach’s gut, Harry, bitte pass auf dich auf.“ Dann war sie verschwunden.

Harry knallte die Tür ins Schloss und lehnte seine Stirn daran an. Tränen liefen über seine Wangen und seine Schultern zuckten. Ginny hatte ihm das Herz aus der Brust gerissen und mit sich genommen. Von wegen keine Chance mehr! Hatte Ginny es je wirklich versucht? Oder … Oder war es wirklich seine Schuld? Seine Schuld, dass Ginny eine Beziehungspause verlangte? Hatte er sie tatsächlich aus seinem Leben ausgeschlossen? Vielleicht war es die Schuld von ihnen beiden? Harry konnte es nicht wirklich beurteilen.

Er spürte nichts: weder Hass, noch Wut, noch Trauer. Harry fühlte sich vollkommen leer und betäubt. Mit starrem Blick ging er die Treppen hoch und fand sich in seinem Schlafzimmer wieder. Vor dem Fenster stand ein kleiner Tisch, auf dem Hedwigs Käfig stand. Die Eule flatterte soeben an Harrys Kopf vorbei und setzte sich auf die Spitze ihrer Behausung. Fragend neigte sie ihren Kopf und fiepte.

Harry verspürte keine Lust, sich jetzt mit Hedwig zu befassen, stattdessen setzte er sich an den unscheinbaren Tisch und sah aus dem Fenster. Wie lange er regungslos das Nachbarhaus betrachtete, konnte er nicht abschätzen. Er kam erst wieder zu sich, als im gegenüber liegenden Haus die Lichter angingen. Harry seufzte, sein Kopf wollte vor lauter Fragen explodieren. Schließlich erinnerte er sich an einen Vorschlag, den Blaise ihm gemacht hatte.

Diesen Vorschlag in Erwägung ziehend griff er in die geöffnete Schublade hinein. Ganz hinten lag ein Buch, welches er herausnahm und auf die Tischplatte legte. Es hatte bereits Staub angesetzt; mit sanftem Pusten ließ er ihn verschwinden. Feder und Tintenfass waren schnell bei der Hand, dann schlug Harry das Buch mit den leeren Seiten auf. Es war ein Tagebuch, welches Harry vor Jahren von Hermine geschenkt bekommen hatte.

Behutsam tauchte Harry die Feder in das Tintenfass ein, streifte sie am Rand ab und setzte die Spitze auf die leere Seite. Was sollte er schreiben? Bevor er sich über den Anfang klar werden konnte, schrieben seine Finger wie von selbst. Zuerst war es schwer für ihn, die richtigen Sätze zu formulieren, doch von Seite zu Seite fiel es ihm leichter. Er unterbrach sich in seinem Bericht nur ein einziges Mal, nämlich um aufs WC zu gehen und um eine Kerze anzuzünden. Dann schrieb er weiter. Seite um Seite füllte sich und Harry erlebte sein persönliches Drama von neuem. Es schmerzte ihn, er weinte, doch er hielt durch und schrieb alles nieder, was sein Herz belastete.

Bevor die Müdigkeit ihn übermannte, beschloss er, es für heute gut sein zu lassen und wunderte sich darüber, dass er doch so viele Seiten gefüllt hatte. Er dachte an Hermine und Ron. Sie machten sich bestimmt große Sorgen um ihn und Harry kam eine Idee. Er fertigte zwei Kopien seiner langen Niederschrift an und nahm zwei Pergamentblätter aus seiner Lade.  

Lieber Ron, liebe Hermine!
Es gibt keine geeigneten Worte der Entschuldigung für das, was ich euch durchmachen lasse. Es liegt mir fern, euch zu verletzen, aber ich schaffe es noch nicht, euch unter die Augen zu treten. Um meine Reaktion nachvollziehen zu können, lege ich euch eine Kopie meiner Seele bei. Aber das ist erst der Anfang. Ich werde jeden Tag in mein Tagebuch schreiben und euch ein Duplikat zukommen lassen. Vielleicht hilft euch das, mich ein wenig besser zu verstehen. Ihr werdet wissen, wann ich soweit bin, mit euch zu sprechen.
Bis dahin gebt mir bitte noch etwas Zeit.
Harry

Harry kaute auf seiner Unterlippe. Ob es richtig war, das zu tun? Bevor Harrys Zweifel wachsen konnten, legte er das Pergament auf die Kopie der Tagebuchinschrift, packte alles zusammen in einen Umschlag und versiegelte ihn. Hedwig war ganz aufgeregt, denn endlich bekam sie wieder etwas zu tun!

„Bringst du diesen Umschlag bitte Ron und Hermine?“, bat er seine kluge Eule, die bereits sehnsüchtig zum Fenster sah. Hedwig wandte sich ihm wieder zu, nahm den Umschlag in ihren Schnabel und breitete ihre Flügel aus. Durch das offene Fenster drang frische kühle Luft in das Schlafzimmer und Hedwig verschwand im Dunkel des voranschreitenden Abends.

Eine Kopie war noch übrig, Harry hatte sie für Blaise angefertigt. Auch ihm schrieb er eine kurze Nachricht, doch war er sich noch nicht sicher, ob er diesen Schritt auch wagen sollte. Immerhin war die Freundschaft zu Blaise noch sehr frisch und das Vertrauen musste erst wachsen … Bis Hedwig wiederkam, würde noch genügend Zeit vergehen, deshalb entschied er sich dazu, noch einmal kurz in die Küche zu gehen, um ein Glas Saft zu holen und das Kästchen an sich zu nehmen.

Ich möchte dir gerne meine Freundschaft schenken.
Wenn du sie annimmst, verspreche ich dir, dass sie für dich kostbar sein wird.
Blaise

Harry strich mit dem Daumen über die Zeilen, die auf der kleinen Karte eingraviert waren. Sein Gefühl sagte ihm, dass Blaise es sehr schätzen würde, wenn er ihn an seinem Seelenleben teilhaben lassen würde. Und auf sein Gefühl hatte sich Harry schon immer verlassen können. So war es beschlossene Sache. An seinem Schreibtisch zurückgekehrt stellte er das Kästchen und das Glas Saft ab und machte sich daran, den nächsten Umschlag zu versiegeln. In fein säuberlicher Schrift schrieb er Blaise´ Namen darauf und legte die Feder beiseite. Harry wollte auf Hedwig warten und den frischen Luftzug genießen, deshalb schloss er die Augen, was dazu führte, dass er prompt einschlief.


°


Ihm war kalt und sein Kreuz schmerzte. Als Harry aufwachte, war es tiefste Nacht, stöhnend richtete er sich im Stuhl auf. Hedwig war nicht bei ihm und auch der Brief an Blaise fehlte …

„Hoffentlich hat Hedwig den Brief auch an die richtige Person überstellt, sonst bin ich im Arsch“, murmelte Harry verschlafen vor sich hin. Benommen stand er auf, ging zum Bett und zog sich die Brille von der Nase. Harry legte sie auf das Nachtkästchen, entledigte sich schnell seiner Kleidung und schlüpfte nur mit Unterhosen bekleidet unter seine warme Bettdecke. Heute wollte er nicht mehr über das Wenn und Aber seines Schicksals nachdenken, dafür würde morgen noch genügend Zeit sein. Leider.


TBC …



Anmerkung: Das war der erste Streich und der nächste folgt am kommenden Wochenende sogleich. Ich hoffe, ich konnte euer Interesse wecken und freue mich schon sehr auf eure Reviews!

Dickes Bussi an euch alle, eure gugi
 
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