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1. Kapitel
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| von Mrs Checkerbunny erstellt: 15.09.2009 letztes Update: 15.09.2009 Romanze / P12 Slash (fertiggestellt) | 2 Reviews |
Mein aller erster Negative One Shot. An der Altersbegrenung seht ihr schon, das er ganz harmlos ist.
Dieser OS ist keine Songfic, allerdings von dem neuen Song inspiriert. Wer ihn noch nicht kennt, hier der Link zu einem Live-Mitschnitt http://www.youtube.com/watch?v=-C8yziKZ1JU&feature=channel_page
Danke an torstinchen für das betan und die Anmerkungen <3
Pairing: im weitesten Sinne JonnexKris
Genre: Liebe
Rating: Slash 12
Disclaimer: Die Personen gehören nicht mir, die Geschichte ist so oder ähnlich nie passiert
Inhalt: Erinnerungen sind unser kostbarstes Gut. Als eines Abends Jonnes Vergangenheit über ihn hereinbricht, erlebt er ein Wechselbad der Gefühle. So lange hatte er Kris aus seinem Leben verbannt und doch kommt er nicht von ihm los.
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Der Regen hatte noch nicht eingesetzt, als Jonne sich seine Lederjacke schnappte, in die Schuhe schlüpfte und die Wohnung verließ.
Der junge Mann hatte von der Couch aus dem Wetterleuchten draußen am Himmel zugesehen. Er mochte diese melancholische Stimmung, die sich in dem dunklen Wohnzimmer ausbreitete, während hinter riesigen Wolkenbergen, die sich am Horizont auftürmten, die Blitze zuckten und das heran nahende Gewitter ankündigten.
Die verschiedenen blau, lila und grau Töne erhellten nur minimal das Zimmer und ließen Jonnes Augen aufleuchten, wobei er sich an Vergangenes erinnerte. Er suchte in seinem Gedächtnis nicht gezielt nach bestimmten Ereignissen oder Momenten, sondern ließ sich einfach von einem zum anderen treiben. Bis zu dem Augenblick wo er vor seinen Augen auftauchte. Er, der es durch einen bloßen Gedanken schaffte, dass sich Jonnes Innerstes zusammen zog und mit aller Sehnsucht nach ihm schrie und das, obwohl schon über ein Jahr vergangen war. Gequält zog der Blonde die Augen zusammen und zog die Knie an den Körper. Verzweifelt versuchte er ihn wieder aus seinen Gedanken zu schieben, an anderes zu denken, doch er war nun da und ging nicht mehr fort. Alles woran er dacht, hing mit ihm zusammen und ließ sich nicht mehr steuern.
Wütend über sich selber sprang Jonne auf und verließ die Wohnung. Ziellos wandte er sich vor seiner Haustüre nach links und ging die Straße entlang. Es war frisch geworden und so befreite er die Kapuze seines Hoodies und zog sie sich über. Die Hände tief in die Taschen vergraben und seinen Blick auf den Asphalt gerichtet, versuchte er seine Gedanken wieder unter Kontrolle zu bekommen. Er dachte an die Reise in die USA für das neue Album, an die Songideen die er bereits hatte und an die anstehende Tour. Und doch zuckte immer wieder sein Gesicht vor seinem inneren Auge auf. Er erinnerte sich an den Abend, als er ihn das erste Mal gesehen hatte.
Antti hatte ihn damals zu einem Gig geschleppt. Bloodpit. Blut Grube. Wahrscheinlich handelte es sich um irgendeine richtig schlechte Kiss Coverband, mit schlechtem Make-Up, noch schlechteren Kostümen und so schlechten eigenen Songs, dass der Club innerhalb von ein paar Minuten absolut leer war, dachte sich der Blonde und trank seinen Lonkero.
“Nun schau doch nicht so. Die sind gut”, versuchte Antti den Blonden aufzumuntern, der gelangweilt seine Unterlippe vorschob. Zu seiner Erleichterung kam er nicht dazu etwas zu erwidern, denn die Hintergrundmusik wurde abgeschaltet und jemand trat ans Mikrofon. Jonne hatte bis zu diesem Augenblick mit dem Rücken zur Bühne gestanden, doch als er sich nun umdrehte, war sein Interesse sofort geweckt.
Auf der Bühne stand eine große, schlanke Gestalt. Lange Beine steckten in so großflächig zerrissenen Jeans, dass diese mehr preisgab als wirklich verdeckte. Und genauso verhielt es sich mit dem Netzoberteil, was er trug und Jonne sein Brusttattoo offenbarte. Aus der Entfernung konnte er einen braunen Kinn- und Schnurrbart erkenne. Den Bass hatte er mit einer Hand nach hinten geschoben, während er sich zu dem Mikrofon beugte und es noch mal testete, ehe er ein Zeichen zum Bühnenrand gab. Dass daraufhin noch weitere Musiker auf der Bühne erschienen, bemerkte der Blonde gar nicht mehr. Seine blauen Augen waren auf den Bassisten fokussiert, der links auf der Bühne seinen Platz einnahm. Er sog jede Bewegung des Dunkelhaarigen auf, achtete auf jede Gesichtsregung und jedes Funkeln in den Augen.
“Ihn will ich haben.”
“Was?”, fragte Antti und sah ihn irritiert an.
“Für die Band”, entgegnete Jonne, weiter starr auf die Bühne blickend.
“Und ich bin dann arbeitslos?” Doch der Sänger ignorierte seinen Freund. Er wollte jetzt nicht reden, er wollte diesen Anblick, der sich da bot genießen.
Kurz nachdem die Band von der Bühne verschwunden war, entschuldigte sich Jonne und verschwand auf der Toilette. Nachdem er sich erleichtert hatte, betrachtete er sich kritisch im Spiegel. Auch seine Hose war zerrissen, doch im Gegensatz zu dem Bassisten waren es nur kleine Löcher und Risse. Das schwarze Shirt mit der schwarzen Jacke ließen ihn blass erscheinen und die blonden Haare hingen ihm strähnig ins Gesicht. Alles so wie es sein sollte.
Er verließ die Toilette und stieß beinahe mit seiner neuen Faszination zusammen, der gerade noch so ausweichen konnte, Jonne ein schiefes Grinsen schenkte und hinter der Türe verschwand.
Dem Blonden blieb nichts anderes übrig als ihm noch einige Sekunden nachzusehen, bis er es schaffte endlich zu seinem Freund zurück zu kehren. Dieser war in ein Gespräch vertief und als Jonne sich Anttis Gegenüber genauer ansah, stockte er für einige Sekunde. Der Mann mit dem der Blonde sprach, ähnelte dem Bassisten fast schon zum verwechseln. Doch nur auf den ersten Blick.
“Ah Jonne, das ist Matthau. Matthau, das ist Jonne, der Sänger von Negative.”
Matthau streckte seine Hand aus, die der blonde Sänger kurz schüttelte.
“Wir sprachen grade von dem Auftritt und wieso wir hier sind”, hielt Antti seinen Freund auf dem neuesten Stand, der sich sofort wieder Matthau zu wandte. Allerdings kam der junge Mann noch nicht mal dazu den Satz anzufangen, als eine Stimme hinter Jonne ertönte, die ihm einen Schauer über den Rücken laufen ließ.
“Ah, da bist du ja.”
Neben Jonne kam der Bassist von Bloodpit zum stehen, der ihn mit einem schiefen Grinsen ansah. “Ah, da ist ja auch der junge Kurt Cobain.”
Irgendetwas war da in seiner Stimme, was Jonne reizte. War es Spott? Sarkasmus?
Nein, es war etwas Neckisches. Fast so, als wolle er ihn triezen.
“Nur kein Neid”, gab der Angesprochene zurück. Dabei hatte er die Hände tief in den Taschen und zuckte gelangweilt mit den Schultern. Er hatte schon oft gehört, dass er mit seiner Aufmachung wie sein Idol aussähe. Doch ihn ärgerte der Vergleich nicht.
“Das ist mein Bruder, Kristian.”
Kurz nickte er in die Runde und lächelte weiter sein schiefes Lächeln.
“Also Antti, womit kann ich dir helfen?”, kam Matthau wieder zurück auf das eigentliche Thema.
“Wir suchen noch jemanden für unsere Band”, erklärte Jonne und wandte sich unwillig zu dem dunkelhaarigen Sänger. Der allerdings schüttelte sofort den Kopf.
“Mich könnt ihr da direkt vergessen. Aber mein Bruder sucht noch was.”
Triumphierend wanderten Jonnes Augen auf den Bassisten, dessen Lächeln noch eine Spur breiter wurde.
“Immer schön langsam mit den jungen Pferden. Für was bräuchtet ihr denn jemanden?”
Sofort schossen Jonne zig Dinge durch den Kopf, die eindeutig nicht zur Musik gehörten, doch stellte er das alles hinten an. Schließlich waren sie nicht deshalb zu dem Gig gekommen.
“Eigentlich suchen wir einen Gitarristen”, brachte Antti sich wieder mit ins Gespräch ein.
“Eigentlich?” Amüsiert zog Kristian die Augenbrauen hoch.
“Wenn du was anderes spielen kannst, ist es nur von Vorteil”, erwiderte Jonne schulterzuckend und lächelte ihn verschmitzt an.
“Frag ihn mal lieber was er nicht spielen kann. Mein Bruder ist ein Musikgenie und das mein ich wirklich so. Er kann weder Noten lesen noch schreiben und dennoch spielt er Klavier, Bass, Gitarre, Schlagzeug, Geige...”
“Du kannst Geige spielen?”, unterbrach Jonne Matthau, dabei gelang es ihm nicht seine Zweifel aus der Stimme zu verbannen.
Doch Kristian schien nicht im Mindesten beleidigt. Mit diesem unvergleichlichen Lächeln trat er auf Jonne zu und blieb nur wenige Zentimeter vor ihm stehen.
“Glaub es oder nicht, aber ich kann auf so ziemlich allem spielen. Ich wette, wenn du mir genug Zeit zum üben lässt, schaffe ich es sogar, dir ein paar nette Töne zu entlocken.”
Matthau schüttelte den Kopf, doch Antti hatte schon eher gemerkt, dass Jonne von Kristian angetan war. Ob das gut oder schlecht war, war eh belanglos. Jetzt galt es erstmal dieses Musikgenie mit ins Boot zu holen.
Jonne schaffte es gerade eben noch seine Haltung zu bewahren und ihn weiterhin gelassen anzusehen. Dass ihm von diesem einen Satz ganz anders wurde, versuchte er sich so gut es ging, nicht anmerken zu lassen. Und wenn er Kristians Gesicht richtig deutete, schaffte er es auch. Denn dieser sah ihn verblüfft an.
“Vielleicht schaffst du das, aber die Frage im Augenblick ist eher, wie gut du Gitarre spielen kannst.”
Kurz blickte der Blonde rüber zu Antti, der sichtlich amüsiert war.
“Was hältst du davon, wenn du morgen zu uns in den Proberaum kommst und wir schauen uns an, was du so kannst?”
Es dauerte einige Sekunden bis Kristian bemerkte, dass sein offensichtlicher Annäherungsversuch dem Jüngeren überhaupt nichts ausgemacht hatte, ehe er auf die Frage reagierte.
“Sicher, wieso nicht.”
Nach dem Austausch von Nummern und Adressen, verschlug es Antti, Jonne und Kristian noch in eine andere Kneipe. Doch schon bald hatte Antti genug und ließ die beiden alleine.
Was wohl geschehen wäre, wenn Antti nicht gegangen wäre? Diese Frage hatte sich Jonne schon so oft gestellt und nie war er zu einer Antwort gekommen. Denn irgendwie hatte der Blonde immer das Gefühl gehabt, als hätten sich Kris und er irgendwann treffen müssen. Als wäre es bestimmt gewesen, dass sie beide für eine lange Zeit ihr Leben miteinander geteilt hatten.
Jonne war mittlerweile an der Hämeenkatu angekommen und lief nun Richtung Bahnhof über die Hämeensilta-Brücke, die sich über den Tammerkoski spannte. An einer der vier Statuen blieb der junge Mann stehen und strich schmunzelnd über den Zeh. Es sollte Glück bringen. Doch genau in dem Moment traf ihn der erste Regentropfen. Ihn schien es nicht zu stören. Die Arme auf die Brüstung abgestützt, schaute er auf das Wasser des Flusses und ließ seine Gedanken wieder in die Vergangenheit treiben.
Antti war gerade mal eine halbe Stunde weg, als Kris und er, im stillen Einverständnis, bezahlten und die Kneipe verließen. Sie erreichten nach einigen Minuten schweigenden Weges Kristians Wohnung.
Kaum dass die Türe hinter ihnen ins Schloss viel, hatte der Dunkelhaarige Jonne auch schon an die Türe gepresst und ließ seine Hände unter das schwarze weite Shirt wandern. Für Jonne war es schwer zu begreifen, was damals vor sich gegangen war. Doch bei einem Blick in Kristians grüne Augen schien ihm sein ganzes Verhalten einfach nur richtig und natürlich. Wie Süchtige waren sie an diesem Abend übereinander hergefallen und der Sänger hatte jede Minute davon genossen. Er liebte Sex und alles was dazu gehörte, doch das dies mehr war und tiefer ging als ein bloßer Fick, schien nicht nur für ihn klar.
Nach dieser Nacht tasteten sie sich aneinander ran. Es gab nie ein Gespräch zwischen den beiden, was sie von dem anderen wollten. Für beide war klar, dass das mehr war als bloße körperliche Anziehungskraft. Auch wenn Jonne sich sicher war, dass Kris es nie ausgesprochen hätte, so waren sich beide sicher, dass sie zusammen gehörten.
Umso unverständlicher war für den Sänger was in den folgenden Monaten und Jahren passieren sollte.
War anfangs in dieser mehr als merkwürdigen Beziehung nahezu alles perfekt, änderte es sich mit den Monaten rapide.
Kris war nie ein Mensch gewesen, der gut mit Worten umgehen konnte. Er sagte das, was er dachte. Ungeschönt und gerade heraus. Das war seine Art. Wirkte es auf den anderen ruppig, so war es ihm egal. Es war seine Meinung, wieso sollte er dafür eine schöne Verpackung finden. Der Inhalt wäre der gleiche.
Jonne mochte diese Art, auch wenn er hin und wieder in Gesprächen mit ihm schlucken musste.
Doch so sehr Kris der gradlinige Typ war, so schaffte Jonne es nicht direkt zu sagen, was in ihm vorging und so ergänzten sich die beiden. Sie hatten der Band nie gesagt, dass sie ein Paar waren. Das war auch unnötig, denn man merkte es.
Jonne erinnerte sich an eine der wenigen sentimentalen Augenblicke in ihrer Beziehung. Eines Morgens hatte der Dunkelhaarige ihm die Haare aus dem Gesicht gestrichen und seine grünen Augen über seine Haut wandern lassen, als hätte er das kostbarste Juwel vor sich, das es je auf der Welt gegeben hatte. Allein dieser Blick hatte Jonne damals wie heute einen Schauer über den Rücken laufen lassen, doch die Worte die folgten, waren für ihn das größte Geschenk gewesen, was er je bekommen hatte.
“Versteck dich nicht hinter deinen Haaren, dafür ist dein Gesicht zu schön.”
Er hatte sich Kristians Worte zu Herzen genommen und sich seine Haare darauf hin wachsen lassen.
Bei diesen Erinnerungen griff sich der Sänger automatisch an seine Haare, die von dem immer stärker werdenden Regen bereits klatschnass waren. Auch wenn es nur noch provisorisch war, da seine Kapuze ebenfalls triefend nass war, zog er sie sich über und schob die blonden Strähnen nach hinten. Seine feingliedrigen Finger strichen ihm über sein Gesicht und holten ihn somit wieder in die Gegenwart. Nur durch die Erinnerungen, die ihn gerade überfluteten, erlebte er ein Wechselbad der Gefühle. Das alles schien nicht Jahre, sondern erst Stunden vorbei zu sein. Sein Körper reagierte immer noch auf jeden noch so kleinen Gedanken über den Gitarristen und es machte ihn fast wahnsinnig.
Mit einem Ruck stieß sich Jonne von der Brücke ab und nahm seinen Weg wieder auf, die Hände in den Jackentaschen und den Blick auf die Straße gerichtet, hing er weiter seinen Erinnerungen nach.
Sie waren im Backstageraum, als plötzlich ein hysterischer Nakki hereingeplatzt kam.
“Jonne komm schnell, keine Ahnung was er hat, aber er balanciert am offenen Fenster.”
Sofort war der Sänger alarmiert. Zusammen mit Jay, mit dem er zusammen gesessen hatte, folgte er dem Keyboarder zu dem Raum, in dem Kristian im offenen Fenster stand und den Fans zuwinkte.
“Kris, was machst du da?”, fragte Jonne mit Entsetzen in der Stimme.
Lachend, mit halbgeöffneten Augenlidern und einer Zigarette im Mund, drehte dieser sich zu dem Sänger um. Sein Gesicht war, wie so oft in den letzten Tagen, hinter Clowns Make-Up versteckt. Es war ein groteskes Bild wie die große Gestalt sich mit einem Arm an dem Fensterrahmen festhielt und leicht schwankte.
Jay war direkt hinter Jonne zum stehen gekommen und sog durch die Szene sichtlich angespannt die Luft ein.
“Ich will mich nur was amüsieren”, lallte der Ältere und tippelte ein wenig auf dem Fenstersims herum. Der Sänger konnte spüren, wie Jay sich hinter ihm anspannte. Auch Nakki, der neben ihm stand, hielt den Atem an.
Allen war bewusst dass Kristian sich in einem Zustand befand, in dem er sich sogar von einem Buttermesser hätte fern halten sollen, von einem mannshohen offenem Fenster ganz zu schweigen.
“Kannst du das nicht hier unten machen? Bitte Kris. Die Fans haben dich nun auch genug bewundern können.”
Nachdenklich blickte Kris über die Schulter, wobei er sich etwas nach hinten lehnte.
Jonne musste sich zwingen die Augen offen zu halten, so stark war in ihm die Angst dass etwas Furchtbares passieren würde. Ein Aufatmen ging durch die Anwesenden, als der Gitarrist dann doch Jonnes Aufforderung ohne weitere Diskussionen nachkam.
Sofort war der Blonde zu seinem Freund geeilt und nahm diesen in den Arm. Er konnte jede Knochen durch das Shirt spüren und es bereitete ihm unbeschreibliche Furcht.
“Jonne, ich bin so müde. Ich kann nicht mehr.”
Gequält schloss Jonne die Augen. Er wusste, dass diese Worte nicht nur etwas mit diesem Moment zu tun hatten; mit der Erkältung und den Drogen mit denen er versuchte sich aufrecht zu erhalten, um die Tour durchzustehen. Schon seit Monaten hatte diese selbstzerstörerische Ader in Kristian einen Weg an die Oberfläche gesucht und irgendwann hatte er ihr nachgegeben. Und das Einzige was Jonne tun konnte war, daneben zu stehen und zu zusehen. Egal was er sagte, tat, es war als würde der Ältere seine komplette Außenwelt nicht mehr wahrnehmen.
Nach dieser Tour und einem Vorfall, der Kristian ins Krankenhaus brachte, hatte Jonne es geschafft seinen Freund wieder auf die Beine zu bringen. Natürlich gab es Momente die einfacher waren und welche, die so schwer waren, dass sie drohten beide zu erdrücken, aber dennoch gab es Licht in dieser undurchdringlichen Dunkelheit. Ein Licht an das Jonne sich so sehr klammerte und an dem er sich doch so sehr verbrannte, dass er selber dabei war sich fast zu zerstören.
Und das war auch der Punkt, der sie beide irgendwann trennte. Jonne hielt an der Hoffnung für eine Besserung fest, doch Kristian hatte irgendwann auf dem Weg nach oben dessen Hand los gelassen. Viel zu spät war dem Blonden klar geworden, dass er alleine für sie beide kämpfte und dafür zu schwach war.
Es war ein weiterer Termin für die Aufnahmen zum neuen Album gewesen, zu denen Kristian nicht erschienen war. Mittlerweile hatten er und Jonne sich nur noch selten gesehen und wenn dann auch nur, weil Jonne so sehr darauf gedrängt hatte.
Doch dieses Mal, das hatte der Sänger den anderen versprochen, würde der Gitarrist kommen. Kristian hatte es ihm versprochen, bei dem Leben seiner Tochter.
Aber die Stunden gingen vorbei und von dem Älteren war keine Spur. Er reagierte weder auf Anrufe noch auf SMSen.
Nach vier Stunden des Wartens und einem mehr als ergebnislosen Tag im Aufnahmestudio hatte Jonne für sich eine Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung, die ihm das Herz zerbrach. Etwas in ihm starb in dem Augenblick, als er seinen älteren Bruder anrief und ihm seinen Entschluss mitteilte.
Er war alleine in dem kleinen Aufenthaltsraum und obwohl die anderen aus der Band nur durch eine Türe von ihm getrennt waren, kam er sich vor als wäre er der einsamste Mensch auf der Welt.
“Du bist dir sicher, dass du das tun willst? Es wird dann kein Zurück mehr geben.”
Jonne kämpfte mit sich. Noch hatte er die Möglichkeit die Lawine aufzuhalten, doch er wollte nicht mehr. Er konnte nicht mehr. Denn eines war sicher, sobald das was nun auf sie zukam überwunden war, gab es nichts mehr was sie zurückwerfen konnte. Jetzt, in diesem Augenblick, durfte er nicht nur an sich denken, sondern und vor allem anderen an die Band.
“Ja Tommi, ich weiß. Aber es ist besser so.”
“Willst du darüber reden?”
Jonne atmete tief ein. “Nicht jetzt.”
Damit war das Gespräch beendet. Es dauerte noch einige Minuten bis Jonne sich gesammelt hatte und es schaffte zu den anderen zu gehen. Nakki war der erste, der bemerkte dass etwas nicht stimmte und ein Blick reichte um zu wissen, was geschehen war.
Viele hatten ihm gesagt, dass dies die beste Entscheidung für alle Beteiligten gewesen sei. Doch Jonne wollte es nicht hören. Er war wütend auf sich, wütend auf Kristian, wütend auf jeden der ihm sagen wollte, dass es gut war jemanden, der so offensichtlich nach Hilfe schrie, von sich zu stoßen.
“Er will einfach keine Hilfe, Jonne”, war das einzige was Nakki ihm in einem Gespräch gesagt hatte.
Das schlimmste an diesen Worten war, dass sie so wahr waren, dass sie schmerzten.
Der Regen war mittlerweile fester geworden und das Donnergrollen direkt über ihm, dennoch dachte er nicht daran nach Hause zu gehen. Er wusste nicht, wieso er ausgerechnet dorthin wollte. Es würde ihm nichts bringen, aber er hatte das Gefühl, dass er damit endlich ein Kapitel abschließen würde.
Abfällig schnaufte er. Als würde er je über dieses Kapitel hinweg kommen.
Wenn das Leben eine Geschichte war, unterteilt in Kapitel, dann war Kristian das Kapitel was er immer wieder erleben und nie vergessen wollte.
Ein Blitz gefolgt von einem tiefen Donnern huschte über den Himmel, als er das Ziel erreichte, von dem er noch nicht mal wirklich wusste, dass es sein Ziel gewesen war.
Das schäbige Mehrfamilienhaus vor ihm lag im Dunkeln. Wahrscheinlich schliefen die meisten, doch der Bewohner der zweiten Etage auf der linken Seite war wahrscheinlich noch nicht einmal Zuhause. Oder vielleicht wohnte er auch schon gar nicht mehr hier. Ihm waren mehrere Geschichten zu Ohren gekommen und von jeder einzelnen hoffte, wünschte und betete er, dass sie nicht wahr war.
Nach ihrer Trennung hatte Jonne jeden Morgen Angst gehabt eine Zeitung aufzuschlagen oder den Fernseher anzuschalten. Er hatte sich unzählige Szenarien ausgemalt, was geschehen könnte, jetzt wo er sich nicht mehr um den Älteren kümmerte und nach dem rechten sah.
Seine Ängste um Kristian trieben ihn irgendwann sogar in eine Therapie. Er hatte es irgendwann geschafft nicht mehr die schlimmsten Szenarien in seinem Kopf auszumalen, doch hatte es ihm nicht geholfen über die Trennung hinweg zu kommen.
Dass er nun vor der Wohnung von ihm stand, war der eindeutige Beweis dafür.
Es dauerte einige Minuten bis er sich von dem Gebäude vor ihm abwenden konnte. Ihm war durchaus bewusst, dass das nun kein Abschluss für dieses Kapitel in seinem Leben war und er weiterhin versuchen würde, nicht immer an ihn zu denken. Aber für den Augenblick ging es ihm wieder besser.
Bei sich zuhause angekommen zog der Sänger die nassen Schuhe und Jacke aus, ehe er sich wieder auf die Couch setzte. Auf dem Tisch hatte er zig Papiere und Zettel mit verschiedenen Songideen ausgebreitet, aus denen er ein bestimmtes zog.
Wie von selbst flossen die Wörter aus dem Stift auf das Papier und ohne einen weiteren Blick darauf zu werfen, legte er es nach dem letzten Punkt wieder zur Seite.
I‘m so fucking worthless when I‘m far from you....
but in the end it doesn‘t matter you make me still complete.
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The End
Dieser OS ist keine Songfic, allerdings von dem neuen Song inspiriert. Wer ihn noch nicht kennt, hier der Link zu einem Live-Mitschnitt http://www.youtube.com/watch?v=-C8yziKZ1JU&feature=channel_page
Danke an torstinchen für das betan und die Anmerkungen <3
Pairing: im weitesten Sinne JonnexKris
Genre: Liebe
Rating: Slash 12
Disclaimer: Die Personen gehören nicht mir, die Geschichte ist so oder ähnlich nie passiert
Inhalt: Erinnerungen sind unser kostbarstes Gut. Als eines Abends Jonnes Vergangenheit über ihn hereinbricht, erlebt er ein Wechselbad der Gefühle. So lange hatte er Kris aus seinem Leben verbannt und doch kommt er nicht von ihm los.
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Der Regen hatte noch nicht eingesetzt, als Jonne sich seine Lederjacke schnappte, in die Schuhe schlüpfte und die Wohnung verließ.
Der junge Mann hatte von der Couch aus dem Wetterleuchten draußen am Himmel zugesehen. Er mochte diese melancholische Stimmung, die sich in dem dunklen Wohnzimmer ausbreitete, während hinter riesigen Wolkenbergen, die sich am Horizont auftürmten, die Blitze zuckten und das heran nahende Gewitter ankündigten.
Die verschiedenen blau, lila und grau Töne erhellten nur minimal das Zimmer und ließen Jonnes Augen aufleuchten, wobei er sich an Vergangenes erinnerte. Er suchte in seinem Gedächtnis nicht gezielt nach bestimmten Ereignissen oder Momenten, sondern ließ sich einfach von einem zum anderen treiben. Bis zu dem Augenblick wo er vor seinen Augen auftauchte. Er, der es durch einen bloßen Gedanken schaffte, dass sich Jonnes Innerstes zusammen zog und mit aller Sehnsucht nach ihm schrie und das, obwohl schon über ein Jahr vergangen war. Gequält zog der Blonde die Augen zusammen und zog die Knie an den Körper. Verzweifelt versuchte er ihn wieder aus seinen Gedanken zu schieben, an anderes zu denken, doch er war nun da und ging nicht mehr fort. Alles woran er dacht, hing mit ihm zusammen und ließ sich nicht mehr steuern.
Wütend über sich selber sprang Jonne auf und verließ die Wohnung. Ziellos wandte er sich vor seiner Haustüre nach links und ging die Straße entlang. Es war frisch geworden und so befreite er die Kapuze seines Hoodies und zog sie sich über. Die Hände tief in die Taschen vergraben und seinen Blick auf den Asphalt gerichtet, versuchte er seine Gedanken wieder unter Kontrolle zu bekommen. Er dachte an die Reise in die USA für das neue Album, an die Songideen die er bereits hatte und an die anstehende Tour. Und doch zuckte immer wieder sein Gesicht vor seinem inneren Auge auf. Er erinnerte sich an den Abend, als er ihn das erste Mal gesehen hatte.
Antti hatte ihn damals zu einem Gig geschleppt. Bloodpit. Blut Grube. Wahrscheinlich handelte es sich um irgendeine richtig schlechte Kiss Coverband, mit schlechtem Make-Up, noch schlechteren Kostümen und so schlechten eigenen Songs, dass der Club innerhalb von ein paar Minuten absolut leer war, dachte sich der Blonde und trank seinen Lonkero.
“Nun schau doch nicht so. Die sind gut”, versuchte Antti den Blonden aufzumuntern, der gelangweilt seine Unterlippe vorschob. Zu seiner Erleichterung kam er nicht dazu etwas zu erwidern, denn die Hintergrundmusik wurde abgeschaltet und jemand trat ans Mikrofon. Jonne hatte bis zu diesem Augenblick mit dem Rücken zur Bühne gestanden, doch als er sich nun umdrehte, war sein Interesse sofort geweckt.
Auf der Bühne stand eine große, schlanke Gestalt. Lange Beine steckten in so großflächig zerrissenen Jeans, dass diese mehr preisgab als wirklich verdeckte. Und genauso verhielt es sich mit dem Netzoberteil, was er trug und Jonne sein Brusttattoo offenbarte. Aus der Entfernung konnte er einen braunen Kinn- und Schnurrbart erkenne. Den Bass hatte er mit einer Hand nach hinten geschoben, während er sich zu dem Mikrofon beugte und es noch mal testete, ehe er ein Zeichen zum Bühnenrand gab. Dass daraufhin noch weitere Musiker auf der Bühne erschienen, bemerkte der Blonde gar nicht mehr. Seine blauen Augen waren auf den Bassisten fokussiert, der links auf der Bühne seinen Platz einnahm. Er sog jede Bewegung des Dunkelhaarigen auf, achtete auf jede Gesichtsregung und jedes Funkeln in den Augen.
“Ihn will ich haben.”
“Was?”, fragte Antti und sah ihn irritiert an.
“Für die Band”, entgegnete Jonne, weiter starr auf die Bühne blickend.
“Und ich bin dann arbeitslos?” Doch der Sänger ignorierte seinen Freund. Er wollte jetzt nicht reden, er wollte diesen Anblick, der sich da bot genießen.
Kurz nachdem die Band von der Bühne verschwunden war, entschuldigte sich Jonne und verschwand auf der Toilette. Nachdem er sich erleichtert hatte, betrachtete er sich kritisch im Spiegel. Auch seine Hose war zerrissen, doch im Gegensatz zu dem Bassisten waren es nur kleine Löcher und Risse. Das schwarze Shirt mit der schwarzen Jacke ließen ihn blass erscheinen und die blonden Haare hingen ihm strähnig ins Gesicht. Alles so wie es sein sollte.
Er verließ die Toilette und stieß beinahe mit seiner neuen Faszination zusammen, der gerade noch so ausweichen konnte, Jonne ein schiefes Grinsen schenkte und hinter der Türe verschwand.
Dem Blonden blieb nichts anderes übrig als ihm noch einige Sekunden nachzusehen, bis er es schaffte endlich zu seinem Freund zurück zu kehren. Dieser war in ein Gespräch vertief und als Jonne sich Anttis Gegenüber genauer ansah, stockte er für einige Sekunde. Der Mann mit dem der Blonde sprach, ähnelte dem Bassisten fast schon zum verwechseln. Doch nur auf den ersten Blick.
“Ah Jonne, das ist Matthau. Matthau, das ist Jonne, der Sänger von Negative.”
Matthau streckte seine Hand aus, die der blonde Sänger kurz schüttelte.
“Wir sprachen grade von dem Auftritt und wieso wir hier sind”, hielt Antti seinen Freund auf dem neuesten Stand, der sich sofort wieder Matthau zu wandte. Allerdings kam der junge Mann noch nicht mal dazu den Satz anzufangen, als eine Stimme hinter Jonne ertönte, die ihm einen Schauer über den Rücken laufen ließ.
“Ah, da bist du ja.”
Neben Jonne kam der Bassist von Bloodpit zum stehen, der ihn mit einem schiefen Grinsen ansah. “Ah, da ist ja auch der junge Kurt Cobain.”
Irgendetwas war da in seiner Stimme, was Jonne reizte. War es Spott? Sarkasmus?
Nein, es war etwas Neckisches. Fast so, als wolle er ihn triezen.
“Nur kein Neid”, gab der Angesprochene zurück. Dabei hatte er die Hände tief in den Taschen und zuckte gelangweilt mit den Schultern. Er hatte schon oft gehört, dass er mit seiner Aufmachung wie sein Idol aussähe. Doch ihn ärgerte der Vergleich nicht.
“Das ist mein Bruder, Kristian.”
Kurz nickte er in die Runde und lächelte weiter sein schiefes Lächeln.
“Also Antti, womit kann ich dir helfen?”, kam Matthau wieder zurück auf das eigentliche Thema.
“Wir suchen noch jemanden für unsere Band”, erklärte Jonne und wandte sich unwillig zu dem dunkelhaarigen Sänger. Der allerdings schüttelte sofort den Kopf.
“Mich könnt ihr da direkt vergessen. Aber mein Bruder sucht noch was.”
Triumphierend wanderten Jonnes Augen auf den Bassisten, dessen Lächeln noch eine Spur breiter wurde.
“Immer schön langsam mit den jungen Pferden. Für was bräuchtet ihr denn jemanden?”
Sofort schossen Jonne zig Dinge durch den Kopf, die eindeutig nicht zur Musik gehörten, doch stellte er das alles hinten an. Schließlich waren sie nicht deshalb zu dem Gig gekommen.
“Eigentlich suchen wir einen Gitarristen”, brachte Antti sich wieder mit ins Gespräch ein.
“Eigentlich?” Amüsiert zog Kristian die Augenbrauen hoch.
“Wenn du was anderes spielen kannst, ist es nur von Vorteil”, erwiderte Jonne schulterzuckend und lächelte ihn verschmitzt an.
“Frag ihn mal lieber was er nicht spielen kann. Mein Bruder ist ein Musikgenie und das mein ich wirklich so. Er kann weder Noten lesen noch schreiben und dennoch spielt er Klavier, Bass, Gitarre, Schlagzeug, Geige...”
“Du kannst Geige spielen?”, unterbrach Jonne Matthau, dabei gelang es ihm nicht seine Zweifel aus der Stimme zu verbannen.
Doch Kristian schien nicht im Mindesten beleidigt. Mit diesem unvergleichlichen Lächeln trat er auf Jonne zu und blieb nur wenige Zentimeter vor ihm stehen.
“Glaub es oder nicht, aber ich kann auf so ziemlich allem spielen. Ich wette, wenn du mir genug Zeit zum üben lässt, schaffe ich es sogar, dir ein paar nette Töne zu entlocken.”
Matthau schüttelte den Kopf, doch Antti hatte schon eher gemerkt, dass Jonne von Kristian angetan war. Ob das gut oder schlecht war, war eh belanglos. Jetzt galt es erstmal dieses Musikgenie mit ins Boot zu holen.
Jonne schaffte es gerade eben noch seine Haltung zu bewahren und ihn weiterhin gelassen anzusehen. Dass ihm von diesem einen Satz ganz anders wurde, versuchte er sich so gut es ging, nicht anmerken zu lassen. Und wenn er Kristians Gesicht richtig deutete, schaffte er es auch. Denn dieser sah ihn verblüfft an.
“Vielleicht schaffst du das, aber die Frage im Augenblick ist eher, wie gut du Gitarre spielen kannst.”
Kurz blickte der Blonde rüber zu Antti, der sichtlich amüsiert war.
“Was hältst du davon, wenn du morgen zu uns in den Proberaum kommst und wir schauen uns an, was du so kannst?”
Es dauerte einige Sekunden bis Kristian bemerkte, dass sein offensichtlicher Annäherungsversuch dem Jüngeren überhaupt nichts ausgemacht hatte, ehe er auf die Frage reagierte.
“Sicher, wieso nicht.”
Nach dem Austausch von Nummern und Adressen, verschlug es Antti, Jonne und Kristian noch in eine andere Kneipe. Doch schon bald hatte Antti genug und ließ die beiden alleine.
Was wohl geschehen wäre, wenn Antti nicht gegangen wäre? Diese Frage hatte sich Jonne schon so oft gestellt und nie war er zu einer Antwort gekommen. Denn irgendwie hatte der Blonde immer das Gefühl gehabt, als hätten sich Kris und er irgendwann treffen müssen. Als wäre es bestimmt gewesen, dass sie beide für eine lange Zeit ihr Leben miteinander geteilt hatten.
Jonne war mittlerweile an der Hämeenkatu angekommen und lief nun Richtung Bahnhof über die Hämeensilta-Brücke, die sich über den Tammerkoski spannte. An einer der vier Statuen blieb der junge Mann stehen und strich schmunzelnd über den Zeh. Es sollte Glück bringen. Doch genau in dem Moment traf ihn der erste Regentropfen. Ihn schien es nicht zu stören. Die Arme auf die Brüstung abgestützt, schaute er auf das Wasser des Flusses und ließ seine Gedanken wieder in die Vergangenheit treiben.
Antti war gerade mal eine halbe Stunde weg, als Kris und er, im stillen Einverständnis, bezahlten und die Kneipe verließen. Sie erreichten nach einigen Minuten schweigenden Weges Kristians Wohnung.
Kaum dass die Türe hinter ihnen ins Schloss viel, hatte der Dunkelhaarige Jonne auch schon an die Türe gepresst und ließ seine Hände unter das schwarze weite Shirt wandern. Für Jonne war es schwer zu begreifen, was damals vor sich gegangen war. Doch bei einem Blick in Kristians grüne Augen schien ihm sein ganzes Verhalten einfach nur richtig und natürlich. Wie Süchtige waren sie an diesem Abend übereinander hergefallen und der Sänger hatte jede Minute davon genossen. Er liebte Sex und alles was dazu gehörte, doch das dies mehr war und tiefer ging als ein bloßer Fick, schien nicht nur für ihn klar.
Nach dieser Nacht tasteten sie sich aneinander ran. Es gab nie ein Gespräch zwischen den beiden, was sie von dem anderen wollten. Für beide war klar, dass das mehr war als bloße körperliche Anziehungskraft. Auch wenn Jonne sich sicher war, dass Kris es nie ausgesprochen hätte, so waren sich beide sicher, dass sie zusammen gehörten.
Umso unverständlicher war für den Sänger was in den folgenden Monaten und Jahren passieren sollte.
War anfangs in dieser mehr als merkwürdigen Beziehung nahezu alles perfekt, änderte es sich mit den Monaten rapide.
Kris war nie ein Mensch gewesen, der gut mit Worten umgehen konnte. Er sagte das, was er dachte. Ungeschönt und gerade heraus. Das war seine Art. Wirkte es auf den anderen ruppig, so war es ihm egal. Es war seine Meinung, wieso sollte er dafür eine schöne Verpackung finden. Der Inhalt wäre der gleiche.
Jonne mochte diese Art, auch wenn er hin und wieder in Gesprächen mit ihm schlucken musste.
Doch so sehr Kris der gradlinige Typ war, so schaffte Jonne es nicht direkt zu sagen, was in ihm vorging und so ergänzten sich die beiden. Sie hatten der Band nie gesagt, dass sie ein Paar waren. Das war auch unnötig, denn man merkte es.
Jonne erinnerte sich an eine der wenigen sentimentalen Augenblicke in ihrer Beziehung. Eines Morgens hatte der Dunkelhaarige ihm die Haare aus dem Gesicht gestrichen und seine grünen Augen über seine Haut wandern lassen, als hätte er das kostbarste Juwel vor sich, das es je auf der Welt gegeben hatte. Allein dieser Blick hatte Jonne damals wie heute einen Schauer über den Rücken laufen lassen, doch die Worte die folgten, waren für ihn das größte Geschenk gewesen, was er je bekommen hatte.
“Versteck dich nicht hinter deinen Haaren, dafür ist dein Gesicht zu schön.”
Er hatte sich Kristians Worte zu Herzen genommen und sich seine Haare darauf hin wachsen lassen.
Bei diesen Erinnerungen griff sich der Sänger automatisch an seine Haare, die von dem immer stärker werdenden Regen bereits klatschnass waren. Auch wenn es nur noch provisorisch war, da seine Kapuze ebenfalls triefend nass war, zog er sie sich über und schob die blonden Strähnen nach hinten. Seine feingliedrigen Finger strichen ihm über sein Gesicht und holten ihn somit wieder in die Gegenwart. Nur durch die Erinnerungen, die ihn gerade überfluteten, erlebte er ein Wechselbad der Gefühle. Das alles schien nicht Jahre, sondern erst Stunden vorbei zu sein. Sein Körper reagierte immer noch auf jeden noch so kleinen Gedanken über den Gitarristen und es machte ihn fast wahnsinnig.
Mit einem Ruck stieß sich Jonne von der Brücke ab und nahm seinen Weg wieder auf, die Hände in den Jackentaschen und den Blick auf die Straße gerichtet, hing er weiter seinen Erinnerungen nach.
Sie waren im Backstageraum, als plötzlich ein hysterischer Nakki hereingeplatzt kam.
“Jonne komm schnell, keine Ahnung was er hat, aber er balanciert am offenen Fenster.”
Sofort war der Sänger alarmiert. Zusammen mit Jay, mit dem er zusammen gesessen hatte, folgte er dem Keyboarder zu dem Raum, in dem Kristian im offenen Fenster stand und den Fans zuwinkte.
“Kris, was machst du da?”, fragte Jonne mit Entsetzen in der Stimme.
Lachend, mit halbgeöffneten Augenlidern und einer Zigarette im Mund, drehte dieser sich zu dem Sänger um. Sein Gesicht war, wie so oft in den letzten Tagen, hinter Clowns Make-Up versteckt. Es war ein groteskes Bild wie die große Gestalt sich mit einem Arm an dem Fensterrahmen festhielt und leicht schwankte.
Jay war direkt hinter Jonne zum stehen gekommen und sog durch die Szene sichtlich angespannt die Luft ein.
“Ich will mich nur was amüsieren”, lallte der Ältere und tippelte ein wenig auf dem Fenstersims herum. Der Sänger konnte spüren, wie Jay sich hinter ihm anspannte. Auch Nakki, der neben ihm stand, hielt den Atem an.
Allen war bewusst dass Kristian sich in einem Zustand befand, in dem er sich sogar von einem Buttermesser hätte fern halten sollen, von einem mannshohen offenem Fenster ganz zu schweigen.
“Kannst du das nicht hier unten machen? Bitte Kris. Die Fans haben dich nun auch genug bewundern können.”
Nachdenklich blickte Kris über die Schulter, wobei er sich etwas nach hinten lehnte.
Jonne musste sich zwingen die Augen offen zu halten, so stark war in ihm die Angst dass etwas Furchtbares passieren würde. Ein Aufatmen ging durch die Anwesenden, als der Gitarrist dann doch Jonnes Aufforderung ohne weitere Diskussionen nachkam.
Sofort war der Blonde zu seinem Freund geeilt und nahm diesen in den Arm. Er konnte jede Knochen durch das Shirt spüren und es bereitete ihm unbeschreibliche Furcht.
“Jonne, ich bin so müde. Ich kann nicht mehr.”
Gequält schloss Jonne die Augen. Er wusste, dass diese Worte nicht nur etwas mit diesem Moment zu tun hatten; mit der Erkältung und den Drogen mit denen er versuchte sich aufrecht zu erhalten, um die Tour durchzustehen. Schon seit Monaten hatte diese selbstzerstörerische Ader in Kristian einen Weg an die Oberfläche gesucht und irgendwann hatte er ihr nachgegeben. Und das Einzige was Jonne tun konnte war, daneben zu stehen und zu zusehen. Egal was er sagte, tat, es war als würde der Ältere seine komplette Außenwelt nicht mehr wahrnehmen.
Nach dieser Tour und einem Vorfall, der Kristian ins Krankenhaus brachte, hatte Jonne es geschafft seinen Freund wieder auf die Beine zu bringen. Natürlich gab es Momente die einfacher waren und welche, die so schwer waren, dass sie drohten beide zu erdrücken, aber dennoch gab es Licht in dieser undurchdringlichen Dunkelheit. Ein Licht an das Jonne sich so sehr klammerte und an dem er sich doch so sehr verbrannte, dass er selber dabei war sich fast zu zerstören.
Und das war auch der Punkt, der sie beide irgendwann trennte. Jonne hielt an der Hoffnung für eine Besserung fest, doch Kristian hatte irgendwann auf dem Weg nach oben dessen Hand los gelassen. Viel zu spät war dem Blonden klar geworden, dass er alleine für sie beide kämpfte und dafür zu schwach war.
Es war ein weiterer Termin für die Aufnahmen zum neuen Album gewesen, zu denen Kristian nicht erschienen war. Mittlerweile hatten er und Jonne sich nur noch selten gesehen und wenn dann auch nur, weil Jonne so sehr darauf gedrängt hatte.
Doch dieses Mal, das hatte der Sänger den anderen versprochen, würde der Gitarrist kommen. Kristian hatte es ihm versprochen, bei dem Leben seiner Tochter.
Aber die Stunden gingen vorbei und von dem Älteren war keine Spur. Er reagierte weder auf Anrufe noch auf SMSen.
Nach vier Stunden des Wartens und einem mehr als ergebnislosen Tag im Aufnahmestudio hatte Jonne für sich eine Entscheidung getroffen. Eine Entscheidung, die ihm das Herz zerbrach. Etwas in ihm starb in dem Augenblick, als er seinen älteren Bruder anrief und ihm seinen Entschluss mitteilte.
Er war alleine in dem kleinen Aufenthaltsraum und obwohl die anderen aus der Band nur durch eine Türe von ihm getrennt waren, kam er sich vor als wäre er der einsamste Mensch auf der Welt.
“Du bist dir sicher, dass du das tun willst? Es wird dann kein Zurück mehr geben.”
Jonne kämpfte mit sich. Noch hatte er die Möglichkeit die Lawine aufzuhalten, doch er wollte nicht mehr. Er konnte nicht mehr. Denn eines war sicher, sobald das was nun auf sie zukam überwunden war, gab es nichts mehr was sie zurückwerfen konnte. Jetzt, in diesem Augenblick, durfte er nicht nur an sich denken, sondern und vor allem anderen an die Band.
“Ja Tommi, ich weiß. Aber es ist besser so.”
“Willst du darüber reden?”
Jonne atmete tief ein. “Nicht jetzt.”
Damit war das Gespräch beendet. Es dauerte noch einige Minuten bis Jonne sich gesammelt hatte und es schaffte zu den anderen zu gehen. Nakki war der erste, der bemerkte dass etwas nicht stimmte und ein Blick reichte um zu wissen, was geschehen war.
Viele hatten ihm gesagt, dass dies die beste Entscheidung für alle Beteiligten gewesen sei. Doch Jonne wollte es nicht hören. Er war wütend auf sich, wütend auf Kristian, wütend auf jeden der ihm sagen wollte, dass es gut war jemanden, der so offensichtlich nach Hilfe schrie, von sich zu stoßen.
“Er will einfach keine Hilfe, Jonne”, war das einzige was Nakki ihm in einem Gespräch gesagt hatte.
Das schlimmste an diesen Worten war, dass sie so wahr waren, dass sie schmerzten.
Der Regen war mittlerweile fester geworden und das Donnergrollen direkt über ihm, dennoch dachte er nicht daran nach Hause zu gehen. Er wusste nicht, wieso er ausgerechnet dorthin wollte. Es würde ihm nichts bringen, aber er hatte das Gefühl, dass er damit endlich ein Kapitel abschließen würde.
Abfällig schnaufte er. Als würde er je über dieses Kapitel hinweg kommen.
Wenn das Leben eine Geschichte war, unterteilt in Kapitel, dann war Kristian das Kapitel was er immer wieder erleben und nie vergessen wollte.
Ein Blitz gefolgt von einem tiefen Donnern huschte über den Himmel, als er das Ziel erreichte, von dem er noch nicht mal wirklich wusste, dass es sein Ziel gewesen war.
Das schäbige Mehrfamilienhaus vor ihm lag im Dunkeln. Wahrscheinlich schliefen die meisten, doch der Bewohner der zweiten Etage auf der linken Seite war wahrscheinlich noch nicht einmal Zuhause. Oder vielleicht wohnte er auch schon gar nicht mehr hier. Ihm waren mehrere Geschichten zu Ohren gekommen und von jeder einzelnen hoffte, wünschte und betete er, dass sie nicht wahr war.
Nach ihrer Trennung hatte Jonne jeden Morgen Angst gehabt eine Zeitung aufzuschlagen oder den Fernseher anzuschalten. Er hatte sich unzählige Szenarien ausgemalt, was geschehen könnte, jetzt wo er sich nicht mehr um den Älteren kümmerte und nach dem rechten sah.
Seine Ängste um Kristian trieben ihn irgendwann sogar in eine Therapie. Er hatte es irgendwann geschafft nicht mehr die schlimmsten Szenarien in seinem Kopf auszumalen, doch hatte es ihm nicht geholfen über die Trennung hinweg zu kommen.
Dass er nun vor der Wohnung von ihm stand, war der eindeutige Beweis dafür.
Es dauerte einige Minuten bis er sich von dem Gebäude vor ihm abwenden konnte. Ihm war durchaus bewusst, dass das nun kein Abschluss für dieses Kapitel in seinem Leben war und er weiterhin versuchen würde, nicht immer an ihn zu denken. Aber für den Augenblick ging es ihm wieder besser.
Bei sich zuhause angekommen zog der Sänger die nassen Schuhe und Jacke aus, ehe er sich wieder auf die Couch setzte. Auf dem Tisch hatte er zig Papiere und Zettel mit verschiedenen Songideen ausgebreitet, aus denen er ein bestimmtes zog.
Wie von selbst flossen die Wörter aus dem Stift auf das Papier und ohne einen weiteren Blick darauf zu werfen, legte er es nach dem letzten Punkt wieder zur Seite.
I‘m so fucking worthless when I‘m far from you....
but in the end it doesn‘t matter you make me still complete.
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The End
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