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Kapitel 01
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| von gugi28 erstellt: 16.10.2009 letztes Update: 06.11.2009 Drama / P18 Slash (fertiggestellt, keine anonymen Reviews) | 219 Reviews |
Hallo meine Lieben!
Vor einiger Zeit sprang mich ein Plotbunny an, das mir versprach, sich auch wirklich ganz kurz zu halten, damit ich mich meiner eigentlichen, neuen Idee widmen und daraus eine hoffentlich gute, selbstverständlich viel längere Story basteln kann. Erkenntnis: Plotbunnys lügen wie gedruckt! Das hier sollte ein Monstershot werden, aber bei sage und schreibe 56 Seiten ist es zu einem Riesenbaby mutiert! *stöhn* Das heißt, ich musste mein Samuraischwert zücken und dieses Megateil mit lautem Harakirischrei in vier Kapitel zerhacken. Immer die richtigen Stellen für den Cut zu finden, war nicht einfach, deshalb sind die Kapitel auch unterschiedlich lang.
Ich möchte auch darauf hinweisen, dass aufgrund der „Kürze“ dieser vierteiligen Geschichte nicht auf alles eingegangen werden konnte, bzw. natürlich einiges schneller als sonst abläuft – ich bitte um euer Verständnis. Danke!
Titel der Geschichte: Rette Leben
Disclaimer: Mama JKR hat das Sagen, ich verdiene mit dieser Geschichte kein Geld.
Eigencharakter: Kevin Leary, Eduard Crimes und Tante Milli sind auf meinem Mist gewachsen.
Zeitraum: Post-Hogwarts, sieben Jahre nach Abschluss
Genre: Drama, Angst – allerdings mit Happy-End-Garantie
Rating: R18-Slash, Lemon
Pairing: Harry/Draco; Nebenpairings: Blaise/Kevin, Hermine/Ron
Betaleserin: LadyMarJa – danke, meine Süße!
Info: Ich halte mich nicht an alles, was in den Büchern steht! Diese Story wird aus Dracos Sicht erzählt.
Blaise Zabini: Information für alle neuen Leser! Noch bevor JKR Blaise Zabini mehr gab als nur einen Namen, hatte ich ihm schon Jahre zuvor einen eigenen Charakter und ein eigenes Aussehen verpasst. Von daher halte ich mich an meine Angaben und nicht an die, die uns Mama Rowling aufs Aug´ gedrückt hat. Ich bitte um Kenntnisnahme.
Inhalt: Als professionellem Quidditchspieler und von seiner düsteren Vergangenheit befreit sollte Draco Malfoy eigentlich alles in den Schoß fallen: Ruhm, Spaß und eine vielversprechende Zukunft! Doch meist kam es anders als gedacht. Das musste Draco am eigenen Leib erfahren, als ihm die Bürde auferlegt wurde, ein grausames Schicksal zu verhindern. Würde er dem Druck standhalten können und mit allen Mitteln kämpfen, oder war der Weg durch die Hölle von vornherein zum Scheitern verurteilt?
Gute Unterhaltung wünscht euch eure gugi!
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Kapitel 01
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Dieser Tag würde bedeutend werden, einzigartig. Ein siegessicheres Lächeln lag auf Dracos Lippen. Diesmal würde er als Star und Gewinner gefeiert werden, nicht Harry Potter! Die Tatsache, dass Draco sich das jedes Mal einredete, bevor er gegen Harry antrat, verdrängte er sofort. Ja, heute würde der Ausgang des Spiels anders verlaufen, heute verflixt noch mal schon!
„Na, Draco? Bereit, Potter den Schnatz vor der Nase wegzuschnappen?“, grinste Eduard den Blonden an, sorgfältig band er seinen linken Schuh zu. Eduard war ein begnadeter Jäger und er war davon überzeugt, dass Harry Potter bisher nur Glück gehabt hatte. Draco war seiner Meinung nach der bessere Sucher und irgendwann, hoffentlich heute, würde er auch die Chance erhalten, das unter Beweis zu stellen.
Da er Quidditch mehr als alles Andere liebte, hatte sich Draco nach der Schule dazu entschlossen, das Angebot eines Talentscouts anzunehmen. Er sah es durchaus als Ehre an, für ein überaus bekanntes Team zu spielen, mit diesem die Welt zu bereisen und gemeinsam so viele Titel wie möglich zu ergattern.
Doch die so schön ausgemalte Zukunft sollte einen schwarzen Fleck auf ihrer weißen Weste erhalten. Gegen alle Annahmen, Behauptungen und Spekulationen war ausgerechnet Harry Potter kein Auror geworden! Davon gehört, dass Draco als Quidditchstar Karriere machen wollte, hatte Harry Potter es als Herausforderung gesehen, so oft wie möglich mit einem anderen, leider auch sehr bekannten Team gegen ihn anzutreten.
Spitze, absolute Weltklasse. Draco war auf sarkastische Art hellauf begeistert gewesen, zumal das bescheuerte Schicksal Potter und ihn anscheinend aneinander gefesselt hatte. Auf der einen Seite brauchte Draco jene Herausforderung, die nur Potter ihm geben konnte. Auf der anderen Seite war er es so leid, dass dieser Idiot ihm ständig den Schnatz vor der Nase wegschnappte und dann auch noch so behindert grinste! Diese Wiederholungen waren lästig!
„Worauf du dich verlassen kannst, Ed!“, knurrte der Blonde von sich überzeugt. Seine Kameraden quatschten während des Umziehens aufgeregt mit- und durcheinander, stachelten sich gegenseitig an und verarschten ihre ach so lahmen Gegner. Eduard belächelte die abfälligen Kommentare seiner Kollegen, schüttelte belustigt den Kopf und erhob sich.
Um die Aufmerksamkeit von allen zu erhalten, klatschte er kräftig in die Hände. „Die Zeit zum Schminken ist um, meine Damen! Zieht endlich eure Spitzenhöschen und Strapse an, schwingt euch auf eure Besen und dann ab die Post! Unsere Fans warten!“ So etwas durfte aber auch nur er sagen, denn schließlich war er neben seiner Jägertätigkeit auch der Kapitän seiner Mannschaft!
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Draco würde es wohl immer so ergehen, dass er Gänsehaut bekam, sobald er umringt von den auf den Tribünen sitzenden, jubelnden Fans und von unendlich vielen Lichtern umgeben in der Mitte des Feldes schwebte.
„Hey Malfoy! Viel Glück!“
Draco senkte seinen Blick und sah in das Smaragdgrün, das ihm seit seinem zwölften Lebensjahr fast auf Schritt und Tritt begleitete. Zu diesen Augen gesellte sich ein schelmisches Lächeln hinzu, sogar die pechschwarzen Haare standen wie immer in alle Richtungen ab. Harry Potter sah genauso aus wie damals, nur männlicher.
„Diesmal wirst du viel Glück brauchen, Potter“, schlug Draco in die dargebotene Hand ein.
„Träum weiter, Malfoy!“, schüttelte Harry sie kräftig.
Ja, das war die Antwort, die Draco immer erhielt, wenn er gegen ihn spielte.
„Ich träume nicht, ich bin Realist, Potter“, wusste Draco heute eine für ihn akzeptable Antwort.
Harry lächelte nur, ließ Dracos Hand los, nickte ihm respektvoll zu und drehte mit seinem Besen ab. Draco sah ihm hinterher. Wann hatten sie aufgehört, einander zu hassen? Wann war es dazu gekommen, dass sie einander als würdige Gegner Respekt erwiesen? Draco war sich sicher, dass es am Alter lag. In der Schulzeit waren sie noch Kinder gewesen, aber jetzt, sieben Jahre später, hatten wohl beide an Reife dazugewonnen.
Der Schiedsrichter winkte beide Mannschaften zu sich, erklärte wie jedes Mal die Spielregeln und hob die Hand. Jetzt ging es los! Draco nahm seine Position ein, wartete auf das Startsignal und haftete seinen stechenden Blick auf den Schiedsrichter. Auf den Tribünen war es still. Dann erklang der Pfiff! Er hallte überlaut im Stadion wider. Nach diesem Startsignal sausten die Spieler beider Mannschaften kreuz und quer über das Spielfeld, warfen und schlugen die jeweiligen Bälle, während Draco und Harry nach dem Schnatz Ausschau hielten.
Das Stadion tobte. Draco erinnerte sich zurück an das erste Zusammentreffen mit Harrys Team. Kurios! Damals in Hogwarts repräsentierte das Grün Slytherin und das Rot Gryffindor, aber exakt diese Farbenaufteilung hatte sich verändert – denn Draco steckte in einem roten Trikot! Ja, er verabscheute diese Farbe, aber sie stand für seine Mannschaft, deshalb akzeptierte er sie, wenn auch mit Widerwillen. Nur dass ausgerechnet Potter in einem grünen Trikot vor seiner Nase herumflog, ging ihm auch heute ziemlich auf die Eier.
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Völlig aus der Puste und mit roten Wangen verweilte Draco auf seinem Besen. Vor nicht mal fünf Minuten hatten Harry und er sich ein Duell geliefert, bei dem die Menge völlig ausgerastet war. Zu Dracos Glück war es auch dem Schwarzhaarigen nicht gelungen, den Schnatz zu fangen, so blieb die Chance aufrecht, dieses Spiel noch für seine Mannschaft zu gewinnen. Wohin zum Henker war der verdammte Schnatz verschwunden? Quaffel und Klatscher sausten an Draco vorbei, nicht nur einmal musste er sich aus der Gefahrenzone ducken. Dieses Spiel war schneller und rabiater als das letzte gegen die Riders, aber war das verwunderlich? Nicht nur Eduard erwartete von den Black Panther - Harrys Mannschaft -, dass sie besser waren als die Riders, die aufgrund ihrer letzten Niederlage im Kampf gegen die Meisterschaft ausgeschieden waren.
Dracos Lächeln verschwand, denn Terence, der Treiber seines Teams, donnerte geradezu auf den Klatscher. Wie es aussah, war sein Ziel ausgerechnet Harry Potter! Die Zeit schien sich plötzlich zu verlangsamen. Draco sah dabei zu, wie der Klatscher von hinten auf Harry zuraste. Obwohl dessen Leute ihn mit Schreie warnten, handelte Harry zu langsam. Noch während er den Kopf drehte und große Augen bekam, traf der Klatscher ihn mit voller Wucht im Gesicht.
Um Draco herum jubelten die Roten, während Harry mitsamt Besen gegen einen der Tribünentürme geschleudert wurde. Das wäre ja nichts Außergewöhnliches gewesen, wäre Harry nur nicht so unglücklich dagegen geknallt.
Harry fiel, sein Umhang flatterte in der Luft.
Aus reinem Reflex heraus zog Draco seinen Zauberstab, zielte damit auf Harry und schaffte es, seinen metertiefen Fall zu verlangsamen, so dass der Schwarzhaarige behutsam auf dem Rasen aufkam. Seufzend steckte der Blonde den Zauberstab wieder weg, vernahm den Time-out-Pfiff und sah dies als Anlass, im Sturzflug zu Harry zu fliegen.
Er landete sanft. „Na komm schon, Potter! Hoch mit dir!“, forderte Draco ihn auf, während er vom Besen abstieg. Aber Harry rührte sich nicht. Außerdem lag er eigenartig da, besonders sein Kopf war …
„Potter?“ Dracos Herz schlug kräftiger in der Brust. Heiler kamen angelaufen, knieten sich neben Harry und überprüften seinen Zustand. Schockiert sahen sie sich an - ihre Münder bewegten sich, aber Draco verstand kein Wort davon, obwohl er nicht einmal einen Meter vor ihn ihnen stand.
„Potter“, hauchte Draco, ihm wurde übel. Erst als schrille Schreie durch das Station tobten, kam Draco zu sich.
„Sagen Sie schon! Was ist mit ihm!“, verlangte er energisch, von ihnen zu erfahren. Dass die Spieler allesamt gelandet waren, miteinander tuschelten und sich rund um das Geschehen aufstellten, blendete er aus. Der Heiler, der links neben Harry saß, sah mit Tränen in den Augen hoch in Dracos Gesicht.
„Er ist tot“, flüsterte er erstickt. „Genickbruch.“
Was?
Nein, nein, das kann nicht sein!
Harry ist sicher nur bewusstlos! Los, überprüfen sie noch einmal seinen Zustand!
Oh bitte, Merlin, das kann nicht sein!
Harry? Harry ist … tot? Das kann ich nicht glauben …
Von allen Seiten ertönten fassungslose, geschockte Fragen, worin sich auch ersticktes Schluchzen mischte. Draco war wie vor den Kopf gestoßen. Sein Blick klebte an Harrys Gesicht, das so friedlich aussah …
Draco?
Verdammt, Draco!
Komm schon, Junge, alles wird wieder gut! Beruhig dich!
Scheiße, komm wieder zu dir!
Haltet ihn fest! Na macht schon! Haltet-ihn-fest!
Draco registrierte nicht einmal, dass er vor Schmerz und Unglaube aufbrüllte, dass er mit allen Mitteln zu Harry wollte und sich aus Leibeskräften wehrte! Er registrierte auch nicht, dass er ihn unter Schluchzen anflehte, die verdammten Augen zu öffnen! Dann spürte er einen Stich im Arm und zu guter Letzt umfing ihn die Dunkelheit.
°
Seit diesem dunklen Tag waren drei Wochen vergangen. Die Zauberwelt trauerte um Harry Potter. Viele Reporter, die ihre Gedanken zu seinem Tod in Unmengen von Zeitschriften festhielten, fragten sich, womit Harry so ein Schicksal verdient hätte. Als Teenager war ihm nichts Anderes übrig geblieben, als sich dem dunklen Lord zu stellen. Er hatte es nicht nur geschafft, die Zauberwelt von diesem Scheusal zu befreien, er hatte auch noch unzählige Leben gerettet. Und jetzt war er tot.
Der ehemalige, mutige Gryffindor hatte unter anderem auch Dracos Leben gerettet. Er war es auch gewesen, der Dracos Schicksal, nämlich sich als Todesser zu beweisen, vereitelt hatte. Aber hatte sich Draco jemals bei ihm bedankt? Nein! Immerzu hatte der Blonde dieses Vorhaben hinausgeschoben, doch nun war es zu spät … Nie wieder würde er dazu die Chance erhalten.
Der quälende Schmerz in seiner Brust, der seit diesem schicksalshaften Tag in Dracos Herz eingezogen war, wurde unerträglich. Da half nur eins: Noch ein Schnaps! Draco saß in einer heruntergekommenen Muggelbar am Tresen, nichts und niemand interessierte ihn. Seine geringe Aufmerksamkeit galt einzig und alleine dem kleinen Schnapsglas vor seiner Nase, in dem die vom Schmerz befreiende, feurige Flüssigkeit schwamm. Ein Glas, das unzähligen folgte.
Der Barkeeper, er war ein bärtiger, etwas fülliger Mann, warf Draco teils besorgte, teils skeptische Blicke zu. Er arbeitete schon seit über 20 Jahren hier, aber noch nie war ihm so ein Mann wie der, der ihm stumm gegenüber saß, unter die Augen gekommen. Der Blonde hatte nur einmal mit ihm gesprochen, ihm nur einmal in die Augen gesehen. „Schnaps, den stärksten, den Sie haben“, hatte er gesagt, mehr nicht. Paul erfüllte seinem Kunden diesen Wunsch, aber es blieb nicht bei diesem einen. Wollte der junge Mann Nachschub, deutete er nur auf sein leeres Glas und Paul verstand.
Oft hatte Paul versucht, den jungen Blonden zum Reden zu bringen, leider erfolglos. Seit Wochen schon kam er kurz vor Mittag durch die Tür, setzte sich an die Bar und blieb bis weit nach Mitternacht. Der Blonde, dessen Namen er nicht kannte, stand nur auf, um auf die Toilette zu torkeln. Paul verspürte Mitleid mit diesem jungen Mann. Was war ihm widerfahren? Was quälte ihn? Bei Gott, er sah so unglücklich aus. Außerdem roch er streng, hatte strähniges, weißblondes Haar und einen Bart, der von Tag zu Tag dichter wurde.
„Uhm, entschuldigen Sie, junger Mann. Sie besuchen diese Bar schon seit Wochen. Darf ich wenigstens erfahren, wie Sie heißen?“, traute er sich zum ersten Mal, den Blonden anzusprechen. Auf eine Antwort wartend hielt er im Abtrocknen der Gläser inne.
Tatsächlich! Der junge Mann vor ihm hob den Kopf an. Diese Augen! Diese Farbe! Es war eine ungewöhnliche Farbe, eine, die Paul bisher noch nirgends gesehen hatte. Die Trauer in diesen Augen sprang ihn förmlich an. Der Blonde öffnete seine ausgetrockneten Lippen.
„Draco. Mein Name ist Draco.“
Draco also, dachte sich Paul. Dessen Stimme war angenehm und leise, auch ein wenig rau.
„Ich bin Paul. Wenn … Wenn Sie reden wollen, dann …“
„Nein!“ Ein einziges Wort, aber es kam bei Paul an. Er nickte nur. „Ihr Glas ist leer. Wollen …“
Da Draco ihm stumm das angesprochene Glas hinschob, war für Paul klar, dass er es auffüllen sollte. Paul schätzte Draco um die 25 Jahre. Er hatte sogar einen Sohn in Dracos Alter, wenn er mit seiner Einschätzung richtig lag. Paul verspürte dennoch den Drang, Draco helfen zu wollen, aber er befürchtete, nicht an ihn heranzukommen.
Paul schallt sich einen Idioten. Sein Job war es, die Wünsche der Kunden zu erfüllen, aber sich nicht in deren Privatleben einzumischen! Widerwillig und sich auf seine Pflicht berufend wandte Paul seinen Blick ab und kümmerte sich nun um die anderen Gäste.
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Draco war froh, dass dieser Paul eingesehen hatte, dass ihm nicht nach Reden zumute war. Alles, was er benötigte, war eine erfolgreiche Abtötung seiner Emotionen. Emotionen, die er noch nie zuvor verspürt hatte. Es war der Alkohol, der sie abstellte. Draco schaffte es schon lange nicht mehr, in den Spiegel zu sehen. Wie er wohl aussah? Höchstwahrscheinlich wie das verblühte Leben. Aber das war ihm egal, alles war ihm egal. Geschehenes konnte man nicht mehr rückgängig machen, und …
Plötzlich riss Draco die Augen auf. War das vielleicht die Lösung? Wenn ja, dann musste er jetzt über seinen Schatten springen und einen Weg einschlagen, der allerdings an einer Konfrontation nicht vorbeiführte. Der letzte Schluck stieß Draco bitter auf, hart stellte er das leere Glas auf den Tresen ab. Dass Paul ihn überrascht anblickte, interessierte ihn nicht.
„Stimmt so“, knallte Draco die Münzen neben das Glas, mühsam erhob er sich.
„Danke“, hörte er Paul verwundert murmeln.
Mit seinem Gleichgewicht auf Kriegsfuß wankte Draco auf den Ausgang zu und war froh, die von Rauch erfüllte Bar hinter sich zu lassen. Die nächtliche Kälte war grässlich für ihn, sie ließ ihn zittern. Seine Arme reibend ging er einige Schritte und musste sich wie jedes Mal erst einmal zusammenreißen. Sobald frischer Sauerstoff in seine Lungen kam, schlug der Alkohol erbarmungslos zu. Normalerweise mochte Draco diesen Zustand, aber heute war er hinderlich, denn heute hatte er noch etwas vor.
Es war ein Krampf, auf die andere Straßenseite zu wechseln – zu seinem Glück war weit und breit niemand zu sehen. Während er sich Schritt für Schritt vorwärts bewegte, stützte er sich an der kühlen Häuserfront ab und bog Minuten später in eine dunkle Seitengasse ein. Von hier aus würde er seine Reise starten. Draco schloss die Augen und konzentrierte sich. Er hoffte bei Merlin, dass er auch heil ankam!
Direkt nach seiner Ankunft begann sich alles zu drehen. Draco fiel schwerfällig zu Boden. Ächzend hielt er sich den Kopf, den er sich ziemlich angeschlagen hatte. Der Schmerz tobte geradezu!
„Shit!“, fluchte er lallend.
Wer ist da?, hörte er eine weibliche Stimme, hinter den Fenstern gingen Lichter an.
Mine? Was hast du?
Da draußen ist jemand!
Um diese Uhrzeit?
Ja, wenn ich es dir doch sage! Ich sehe jetzt nach!
Nein, wer weiß, was da draußen lauert!
Lass mich los, Ron! Geh wieder schlafen!
Vergiss es, ich bleibe hier!
Wie du willst!
Langsam wurde die knarrende Tür geöffnet. „Hallo?“ Draco erkannte verschwommen, dass Hermine Weasley ihren Kopf durch den Türspalt steckte und sich suchend umsah. Schließlich erblickte sie ihn. „Oh mein Gott!“
„Wer ist es? Sag schon, Mine!“, drängte sich Ron an ihre Seite, wobei die Tür noch weiter aufgezogen und der Lichtkegel in die Dunkelheit hinaus noch länger wurde.
„Es … Es ist Malfoy“, wisperte sie. Eilige Schritte kamen näher an ihn heran.
„Malfoy? Was will der denn hier?“
Selbst als Draco die Augen geschlossen hielt, hörte er aus Rons Stimme die Abscheu heraus. Hände legten sich um seine Arme und zogen ihn hoch. „Bei Merlin! Malfoy! Was tust du denn hier? Und woher weißt du, wo wir jetzt wohnen?“
Draco war nicht fähig, auch nur ein vernünftiges Wort herauszubringen, deshalb beließ er es dabei, stumm zu bleiben. Er war auch nicht in der Lage, geradeaus zu gehen, womit es für Hermine schwieriger wurde, ihn über die Verandastufen geradewegs ins Haus zu führen.
Ron beäugte den ungebetenen Gast missbilligend und schloss die Tür, sobald seine Frau und Draco das Haus betreten hatten. Hilfsbereit, wie sie war, führte Hermine den Betrunkenen ins Wohnzimmer.
„Was willst du!?“, blaffte Ron den Blonden giftig an. Auf alles gefasst, baute er sich breitbeinig vor ihm auf.
„Es geht um Potter“, brachte Draco lallend hervor.
Ron brannten die Sicherungen durch. Von schmerzvollen Emotionen gepeinigt holte er aus und verpasste Draco einen harten Faustschlag. Hermine schrie auf. Der blonde Ex-Slytherin wurde aus ihren Armen gerissen und krachte zu Boden.
„Ron! Hör auf, hör sofort auf damit!“, schrillte ihre Stimme durch das Wohnzimmer. Entsetzt über Rons Verhalten zog sie Draco erneut hoch und bugsierte ihn auf einen der Stühle, die um den Esstisch herum standen.
„Sprich nie wieder von ihm!“, brüllte Ron hasserfüllt los. „Nie wieder! Sag nicht seinen Namen! Nicht du!“ Rons Ausbruch ging in Schluchzen über. Hermine fühlte Rons Schmerz nur zu deutlich, denn ihr ging es nicht anders als ihm. Mit nur wenigen Schritten war sie bei ihm, nahm sein Gesicht in beide Hände und sah ihm tief in die Augen.
„Schon gut, Schatz, bitte beruhige dich. Nicht … Nicht weinen. Ich bitte dich. Sonst muss ich auch …“ Hermine schaffte es nicht, ihren Satz zu beenden, denn ihr Hals war wie zugeschnürt. Liebevoll küsste sie Rons Lippen, streichelte seine tränennassen Wangen und lehnte ihre Stirn an seine heiße. Sie spürte, dass ihr Mann am ganzen Körper zitterte, sah, dass er wie ein geprügelter Hund litt. Zu schmerzvoll waren die Erinnerung an ihren geliebten Harry, zu groß und tief die klaffenden Wunden in der Seele.
„Ich kümmere mich um ihn, okay? Geh hoch und leg dich schlafen, hm? Und vergiss nicht, deinen Beruhigungstrank zu nehmen. Ich liebe dich“, wisperte sie.
Ron nickte nur, wartete ab, bis Hermine ihre Hände sinken ließ und schlurfte mit hängenden Schultern aus dem Wohnzimmer. Erst als ihr Mann im ersten Stockwerk die Schlafzimmertür zuschlug, atmete Hermine zittrig ein und aus, dann drehte sie sich Draco zu. „Ich mach dir einen Kaffee, es dauert nicht lange.“
Draco sagte nichts, er starrte nur auf seine zitternden Finger, die auf der Tischplatte lagen. Rons Ausbruch hatte ihn erschüttert aber nicht überrascht. Er musste Harry sehr geliebt haben, sonst wäre er nicht so ausgerastet. Aber was fühlte Draco? Nichts, denn der Alkohol hatte ihn betäubt.
„Hier, bitte“, wurde er aus seinen Gedanken gerissen, da Hermine ihm eine dampfende Tasse vor die Nase stellte. Anschließend zog sie einen Stuhl an sich heran und setzte sich an seine Seite.
„Danke“, krächzte der Blonde. Erschöpft und sich elend fühlend hob er die Tasse an und trank einige Schlucke, der Kaffee schmeckte widerlich.
„Ich … habe mir die Freiheit herausgenommen, ein paar Tropfen vom Heil- und Entnüchterungstrank beizumengen. Entschuldige bitte.“
„Schon gut“, hustete der Blonde, er stellte die Tasse ab. Kaum dass der versetzte Kaffee in seinem Magen angelangt war, spürte Draco die Wirkung der Tränke. Das Pulsieren seines Kopfes und seines Kinns gingen zurück, auch der Rausch ließ nach. Das war gut, aber auch schlecht für Dracos Seelenleben.
„Was machst du hier?“, verlangte Hermine mit ruhiger Stimme Antworten.
Endlich sah Draco in ihr Gesicht und erschrak. Hermine Weasley sah schlecht aus, ihre Wangen waren eingefallen. Das Braun ihrer Augen hatte den Glanz verloren.
„Ich muss mit dir reden“, erklärte Draco ihr. „Du siehst nicht gut aus.“
Hermine brachte tatsächlich den Hauch eines Schmunzelns zustande. „Dasselbe könnte ich zu dir sagen. Ich habe dich noch nie so gesehen. Du leidest, nicht wahr?“
„Ich …!“ Draco verbiss sich den Rest von dem, was er sagen wollte, stattdessen konzentrierte er sich auf seinen Plan. Doch bevor er ihn offenbaren würde, wollte er ihr noch eine Erklärung abgeben.
„Das ist Potters Haus, richtig? Ich wollte hierher, um nach einem Anhaltspunkt zu suchen. Mein Vorhaben war, eure Adresse ausfindig zu machen, denn ich wollte dich besuchen.“
Hermine kämpfte mit den Tränen, sie senkte ihren Kopf. „Nach … Nach Harrys Tod haben Ron und ich beschlossen, in Harrys Haus zu ziehen, um …“
„… um ihm näher zu sein?“, half Draco mit brüchiger Stimme aus.
Hermine nickte. „Ja, jetzt hast du mich gefunden. Was willst du von mir?“
Es war das erste Mal seit drei Wochen, dass Draco zu allem entschlossen war. „Wo ist der Zeitumkehrer?“, fragte er sie gerade heraus.
Zuerst war Hermine schockiert, doch dann sickerte der Hintergrund dieser Frage in ihr Gehirn durch. „Nein!“, schüttelte sie energisch den Kopf.
„Oh doch!“, hielt Draco dagegen.
„Du kannst nicht in Ereignisse eingreifen, die …“
„Ich kann sehr wohl!“, schrie Draco sie verzweifelt an. „Ich muss“, fuhr er etwas leiser fort.
Hermine begann, leise zu weinen, denn ihr Herz und ihr Verstand waren nicht einer Meinung. Es galt als oberstes Gebot, sich nicht in das Schicksal einzumischen bzw. Harrys Tod zu verhindern, aber sie vermisste ihren besten Freund so sehr! Dieser feurige Schmerz brachte sie fast um! Allerdings zeigte sie es nicht so offen wie ihr Mann Ron, da sie für ihn stark sein wollte.
„Bitte …“, flehte Draco sie an.
„Warum? Draco, wieso?“, sah sie hoch in seine traurigen Augen.
„Weil, weil … So kann ich nicht … Sieh mich doch an!“
„Der Zeitumkehrer wurde vernichtet“, sprach sie leise.
Draco glaubte ihr nicht, demonstrativ schüttelte er seinen Kopf. „Du lügst.“
„Woher weißt du …?“ Bestürzt sah sie ihn an.
„Ich weiß es eben, okay? Sollen doch die anderen denken, dass er vernichtet wurde, ich weiß es besser!“
„Okay. - Er befindet sich im Ministerium. Du kannst dir sicher denken, in welcher Abteilung?“, fragte sie ihn leise.
Der Blonde nickte. „Hast du vor, mitzukommen?“
„Was?“, hauchte sie entsetzt.
„Es wäre besser, wenn ich alleine gehe.“
„Du willst allen Ernstes im Ministerium einbrechen? Bist du verrückt?“, warf sie ihm zischend vor.
Dracos Ausdruck in den Augen wurden stumpf. „Was hab ich denn schon zu verlieren?“
Hermine haderte noch mit sich. Ergeben schloss sie kurz ihre Augen und atmete einmal tief durch. „Ich komme selbstverständlich mit.“
„Vergiss es, ich habe mich bereits entschieden“, blockte Draco ab. „Sollte man mich erwischen, hast du nichts mit dem Einbruch zu tun. Weasley braucht dich, aber ich kann nichts mehr verlieren.“
„Oh Draco“, schüttelte sie müde ihren Kopf. Aus Respekt vor Dracos Gefühlen fragte sie nicht weiter nach, denn alles, was sie wissen musste, stand ihm sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben. Nie hätte sie gedacht, dass ausgerechnet Draco Malfoy diesen Schritt wagen würde. Sie liebte Harry, keine Frage, aber vielleicht brauchte Draco ihn mehr als sie?
„Gut, ich beschreibe dir den genauen Weg und worauf du Acht geben musst …“
Zehn Minuten später verschwand Draco in die Nacht hinaus, Hermine sah ihm lange nach. Müde und nachdenklich geworden schloss sie die Tür, drehte sich um und erschrak, da Ron auf der Treppe saß. Erstaunlich ruhig sah er sie an.
„Du bist nicht …“, kam sie auf ihn zu.
„Nein.“ Ron schüttelte den Kopf. Er wartete, bis seine Frau sich zu ihm auf die Treppe setzte. „Malfoy will Harrys Tod rückgängig machen?“
„Ja.“
„Wieso? Ich meine, ich will ja auch, dass er …“ Verdammt, wie sollte er es seiner Frau nur erklären? Allerdings war das nicht notwendig, denn Hermine verstand ihn sehr wohl.
„Er braucht ihn. Vielleicht sogar mehr als wir. Denk daran, wie es damals zwischen ihnen war. Ständig haben sie sich bekriegt und gehasst, aber Draco hat ihn immer als einen wichtigen Teil seines Lebens betrachtet. Jetzt fehlt etwas. Mein Herz sagt, dass er Harry zurückholen soll, aber mein Verstand schreit ständig: Es ist falsch! Was soll ich nur tun? Soll ich ihn aufhalten?“, fragte sie verzweifelt um Rat.
„Nein“, ergab sich Ron seinen Gefühlen. „Wir wünschen uns Harry zurück, auch wenn das egoistisch ist. Also …“ Ron erhob sich.
„Bevor wir schlafen gehen, möchte ich noch etwas erledigen“, hielt Hermine ihn auf.
„Und was?“ Fragend blickte Ron auf seine Frau hinab.
„Es gibt einen Zauber, der uns gestattet, uns an alles zu erinnern, auch wenn die Vergangenheit sich ändert.“
°
Der Morgen graute bereits, als Draco voll mit Adrenalin gepumpt nach Malfoy Manor zurückkehrte. Er war ganz in Schwarz gekleidet, sogar seine Haare hatte er mittels Zauber angepasst. Nur mit dieser Verkleidung war es ihm möglich gewesen, im Schutz der Dunkelheit ins Ministerium einzubrechen. Er gestand es sich nur ungern ein, aber dank der Ausbildung zum Todesser war es ihm möglich gewesen, ungehindert seinen Plan in die Tat umzusetzen. Der Zeitumkehrer war sein! Und er befand sich in seiner linken Hosentasche. Wenn er Glück hatte, würde nicht so schnell herauskommen, dass etwas aus der Reliktabteilung fehlte, hoffte der Blonde.
Draco hasste das riesige Anwesen der Malfoys. Seit dem Tod seiner Eltern, sie wurden im Kampf gegen Voldemort getötet, bewohnte er völlig alleine dieses riesige Haus. Es strahlte Kälte und Lieblosigkeit aus, aber das nahm Draco nur am Rande wahr. Er selbst hielt sich meist in seinem Zimmer, in der Küche, im Badezimmer oder aber in seinem Geheimraum auf. In diesen Räumen herrschte Persönlichkeit, nur das zählte. Die restlichen unzähligen Zimmer verstaubten bestimmt, aber war das wichtig? Nein. Irgendwann würde Draco dieses Herrenhaus sowieso verkaufen und in eine kleinere Wohnung ziehen, um seine Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen.
Eiligen Schrittes durchquerte er die Vorhalle und steuerte seinen Geheimraum an. Sobald er die Tür öffnete und eintrat, fühlte er die Vertrautheit, die ihn einhüllte. Von einem Malfoy konnte man annehmen, dass er Wert auf Ordnung legte, nicht so hier im Geheimraum. Unzählige Stapel von Zeitungen überluden diesen Raum, sie alle beinhalteten Artikel über Harry Potter.
Seitdem Draco das erste Mal seinen Namen gehört hatte, war er ein stiller Fan von ihm gewesen. Daran konnte selbst die Ablehnung seines Freundschaftsangebotes zu Anfang ihrer Schulzeit nichts ändern, auch wenn die Enttäuschung und der Hass auf ihn gewachsen waren. Nach außen hin war Harry Potter ihm völlig egal gewesen. Doch wenn er für sich war, hatte Draco alle Artikel, die mit Harry in Verbindung gebracht wurden, eifrig gesammelt. Das galt auch für die letzten, in denen der Tod des Schwarzhaarigen das Hauptthema gewesen war.
In der Mitte des kleinen Geheimzimmers stand ein einfacher Holztisch, zu dem auch ein Stuhl gehörte. Draco setzte sich. Die Gewichtsbelastung ließ den Stuhl knarren. Mit klopfendem Herzen holte Draco den Zeitumkehrer aus seiner Tasche und legte ihn auf die Tischplatte. Allerdings zögerte er noch, ihn einzusetzen, denn der Respekt vor den höheren Mächten war noch immer vorhanden. Sollte er es wirklich tun? Sicherheitshalber verfasste er eine kurze Nachricht an Harry und steckte sie ein. Draco hatte nicht vor, seinen Verstand gewinnen zu lassen, deshalb nahm er Hermines Notiz an sich, las sich die Gebrauchsanweisung für den Zeitumkehrer durch und aktivierte ihn …
°
Seinem raschen Reaktionsvermögen war es zu verdanken, dass Draco von seinem vergangenen Ich nicht entdeckt wurde.
Na, Alter? Bereit, Potter den Schnatz vor der Nase wegzuschnappen?, hörte er Eduards Stimme. Sobald er sich selbst antworten hörte, verzog er sein Gesicht. Das war seine Stimme? Gruselig. Draco besann sich wieder auf seine Rettungsaktion. Ein letztes Mal begutachtete er die Nachricht, die Harry hoffentlich auch erreichen würde.
In der 53. Minute solltest du unbedingt einem gefährlichen Klatscher ausweichen! Tust du es nicht, hat das Folgen für dich!
So ganz glücklich war Draco mit dieser Nachricht nicht, aber was hätte er denn schon Großartiges schreiben sollen? Stellte sich nur noch die Frage, wie er Harry diese Nachricht zukommen lassen sollte! Die Antwort kam in Form eines Spielers aus Harrys Mannschaft. Zuerst verstellte Draco per Zauber seine Stimme, dann richtete er seinen Stab auf den ahnungslosen jungen Mann.
„Scheiße! Ich kann nichts sehen! Verflucht, was soll das?!“, blieb der Spieler aufgebracht stehen und wedelte mit seinen Händen vor seinen Augen herum. Draco war schnell bei ihm, sah sich nach allen Seiten um und zog den jungen Mann zur Seite.
„Keine Angst, du wirst gleich wieder sehen können. Ich will nur nicht, dass du mich erkennst. Hier, gib diese Nachricht Harry Potter, hast du verstanden?“, zischte er dem Erblindeten zu.
„Aber …!“
„Nichts aber!“, schnitt der Blonde ihm das Wort ab. „Tust du es nicht, werde ich dafür sorgen, dass du noch einmal blind wirst, aber diesmal für immer, kapiert?“
„Okay“, nickte sein Gegenüber eingeschüchtert, fest schloss er seine Hand um das Pergament.
„Du musst ihm diese Nachricht noch vor dem Spiel geben!“
„Ja, mach ich.“
Draco war zufrieden. „Gut so. Und jetzt geh! In ein paar Sekunden wirst du wieder sehen können.“
„Na hoffentlich, denn sonst …! Hallo? Bist du noch da?“ Das Augenlicht kehrte zurück, aber es war weit und breit nichts von diesem sonderbaren Mann zu sehen. Schulterzuckend setzte er sich in Bewegung und machte sich direkt auf den Weg zu Harry.
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Draco war nervös! Geschützt vor den Blicken aller sah er dem Spiel zu, ließ aber dabei die Uhr nicht aus den Augen. Ab der 52. Minute hielt Draco es kaum noch aus! Harry flog soeben zu jener Position, die bald sein Tod bedeuten würde, während der Treiber bereits zum Schlag ausholte. Gespannt haftete Draco seinen Blick auf Harry, der sich diesmal anders verhielt als beim ersten Mal. Harry behielt sein Umfeld im Auge, was hieß, dass er auch den Klatscher sah, der bereits Kurs auf ihn nahm!
„Verdammt, verschwinde von da, Potter, mach irgendwas!“, zischte Draco, während er sich verkrampfte. Und dann geschah es! Harry ließ sich mitsamt seinem Besen zurückfallen, so dass der Klatscher ihn verfehlte – die Menge tobte.
„Bei Merlin!“, fiel Draco eine tonnenschwere Last vom Herzen, doch was dann geschah, kam unvorbereitet für ihn. Eben noch unter einem Vorsprung versteckt, befand er sich nun auf seinem Besen und übernahm die Position seines alten Ichs! Richtig! - Das Spiel war ja nie weitergegangen, von daher hatte sich die Vergangenheit wie erhofft verändert!
Das erste Mal seit drei quälenden Wochen war Draco wieder glücklich.
Doch Glück und Leid lagen nahe beieinander. Draco gab alles und schaffte es unter den Anfeuerungsrufen seiner Fans, tatsächlich vor Harry den Schnatz zu fangen! Was für ein tolles Gefühl!
Anstatt sauer zu sein, hielt Harry neben ihm an. „Glückwunsch, Malfoy!“ Er nickte sogar anerkennend. „Diesmal warst du wirklich außergewöhnlich gut.“
„Wie nett von dir, Potter“, schnarrte Draco zurück. „Diesmal hatte ich wohl mehr Glück als du.“
„Das würde ich nicht so sehen“, konnte sich Harry ein Grinsen nicht verkneifen. Bevor Draco dumme Fragen stellte, dachte er darüber nach, was Harry wohl damit gemeint haben könnte. Oh-nicht-doch!
„Tja, Malfoy, wir haben trotzdem gewonnen, obwohl du den Schnatz gefangen hast“, zwinkerte Harry ihm zu, bevor er abdrehte und zu seinen jubelnden Kollegen flog. Draco knirschte mit den Zähnen. Ach was soll‘s!, sagte er sich im Geiste. Harry Potter war am Leben und zudem hatte er noch vor ihm den Schnatz gefangen! Zwei Gründe, um über den Sieg der anderen Mannschaft hinwegzusehen.
Zufrieden mit sich und der Umwelt landete er im Kreise seiner Kollegen und wurde trotz ihrer Niederlage beglückwünscht. Besser konnte es doch nicht laufen, oder? Lächelnd drehte er sich um und fing mit seinem Blick Harry ein, der soeben … einen Kerl küsste? Dracos Kinnlade glitt zu Boden. Gut, dieser Typ sah nicht übel aus, aber wieso stand er so dicht neben Potter und küsste ihn? Potter war schwul? Wieso war Draco das denn niemals aufgefallen?
Dracos Lächeln war wie weggewischt. Die lauten Stimmen ausgeblendet beobachtete er Harry und diesen Typen, wie sie sich zarte Küsse gaben und sich strahlend mit Kollegen und Freunden unterhielten. Anscheinend interessierte es niemanden, dass Harry Potter dem männlichen Geschlecht zugeneigt war. Dracos Laune war im Keller.
„Draco? Draco! Du hörst mir ja gar nicht zu!“, beschwerte dich Eduard bei ihm.
Der Blonde blinzelte. „Wie bitte?“, sprach er ihn an.
Eduard hatte Nachsicht mit ihm. „Ich sagte, dass du heute endlich mal gezeigt hast, was in dir steckt. Du kannst stolz auf dich sein. Na ja, leider haben wir verloren, aber das macht nichts. Die nächsten Wettkämpfe kommen bestimmt, und ein zweiter Platz kann sich auch sehen lassen. Aber wir sollten noch härter an uns arbeiten, deshalb beginnt morgen um Punkt acht Uhr das Training, alles klar?“
„Sicher“, murmelte Draco vor sich hin.
Eduard runzelte die Stirn, sah kurz zu Harry und dann wieder zu Draco. „Oh“, merkte er an. „Dir fällt erst jetzt auf, dass Harry Potter einen Freund hat?“
„Ja“, seufzte der Blonde mit einem kläglichen Lächeln. „Eigenartig. Die Zeitungen haben nichts davon berichtet – oder?“
„Nein“, klopfte Eduard ihm auf die Schulter und führte Draco seinen Mitspielern folgend vom Feld. „Es sieht wohl so aus, als ob die Öffentlichkeit Potters Privatleben respektiert. Kommt wohl daher, dass er uns alle von du-weißt-schon-wem befreit hat. Das ist bestimmt ihr Dank an ihn.“
Draco sagte nichts dazu.
°
Tag für Tag studierte Draco sämtliche Zeitungen. Harry wurde oftmals erwähnt, aber von seinem Freund stand nichts geschrieben. Es machte Draco sogar nichts aus, das Siegerinterview von Harry zu lesen, Hauptsache, er war am Leben.
Seufzend faltete er den Klitterer zusammen und legte ihn auf den Stapel hinter sich, dann stand er auf und verließ seinen Geheimraum. Bevor er die Tür schloss, ließ er seinen Blick durch den Raum gleiten. Seine Mutter hatte von diesem Zimmer gewusst, sein Vater allerdings nicht. Wäre es so gewesen, müsste Draco wohl noch heute in der Hölle schmoren! Auch wenn seine Eltern letzten Endes gegen Voldemort gekämpft hatten, so hieß das nicht, dass sein Vater Harry sympathisch gefunden hatte. Im Gegenteil. Für ihn war Harry Potter bis an sein Lebensende eine einzige Plage mit verdammt viel Glück und wenig Anstand gewesen.
Eine knappe Woche später hatte Draco die Qualen der letzten Zeit erfolgreich verdrängt. Um zukünftig so viele Siege wie möglich für seine Mannschaft verbuchen zu können, hatte er Tag ein Tag aus hart trainiert. Eduard erkannte ihn kaum wieder.
°
Dracos heutiger Morgen fing zwar gut an, aber etwas fehlte: Die Zeitung! Weder der Klitterer noch der Tagesprophet waren geliefert worden, was Draco doch sehr seltsam fand. Schulterzuckend machte er sich wieder einmal auf den Weg zum Training.
Während ihrer knochenharten Übungen wurde nicht unbedingt über Alltägliches gesprochen, zu wichtig war die Konzentration auf ihre Trainingseinheiten. Erst als der Abend anbrach, erlaubten sich die duschenden Spieler, auch private Dinge zu besprechen.
„Sagt mal, habt ihr heute den Tagespropheten gelesen? Wenn ja, dann würde ich gerne wissen, was drin stand.“
Draco zuckte zusammen. Mike hatte ihn also auch nicht erhalten?
„Ich hab den Klitterer abonniert“, wusch sich Eduard die Haare. „Aber der wurde heute auch nicht geliefert.“
Jetzt wurde Draco schlecht.
„Janet, eine Bekannte von mir, arbeitet beim Tagespropheten. Gestern Abend war sie zu Besuch bei uns“, berichtete Andy im Plauderton. „Sie hat schon befürchtet, dass es heute mit der Auslieferung Probleme geben wird“, erzählte er weiter. „Seit Tagen schon kursiert irgendein Erreger, der durch eine neue Posteule an alle anderen übertragen wurde. Es wird bestimmt noch ein paar Stunden dauern, bis die Eulen geheilt und fit für die Auslieferungen sind.“
„Na das ist ja mal was ganz Neues!“, schüttelte Mike den Kopf.
„Draco? Alles okay?“, hielt Eduard im Waschen inne.
Draco zitterte am ganzen Körper und versuchte, seinen Herzschlag zu beruhigen. „Geht schon wieder“, murmelte er. „Vielleicht habe ich mich heute ein wenig überanstrengt.“
„Alter, du bist heute geflogen, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter dir her! Kein Wunder, dass da dein Körper schlapp macht“, konnte Mike nachvollziehen, auch die anderen Spieler stimmten ihm zu. Nur Eduard erwiderte nichts, er ließ Draco nicht aus den Augen. Irgendetwas stimmte nicht mit ihm, nur was? Mike lag falsch, denn das heutige harte Training war bestimmt nicht der Grund für seinen nervösen Zustand, so war er sich jedenfalls sicher.
°
Hundemüde erreichte Draco sein unpersönliches Zuhause. Nach einem ausgiebigen Abendessen betrat Draco gähnend den kleinen Geheimraum, um für ein wenig Ordnung zu sorgen. Zu lange hatte er es aufgeschoben, all die Zeitungen zu sortieren. Zuerst einmal gehörten sie verkleinert, nach Datum in Schachteln geschichtet und in Regalen verstaut. Auch wenn der Saustall so aussah, als würde er in einer Million Jahren nicht geordnet werden können, war Draco tatsächlich in einer halben Stunde fertig. Der kleine Raum wirkte sofort etwas größer, aber vor allem übersichtlicher. Zufrieden mit seinem Werk machte sich Draco auf den Weg zur Vorhalle, da von dort aus die Stufen nach oben zu seinem Schlafzimmer führten.
Da sich der Geheimraum im Keller befand, hatte Draco nicht bemerkt, dass inzwischen ein Unwetter aufgezogen war. Donner grollte und Blitze zuckten, was die riesige Halle unglaublich gespenstisch aussehen ließ. Als es plötzlich an seiner Tür klopfte, griff Draco sich erschrocken an die Brust. Wer würde um diese Uhrzeit, aber besonders bei diesem Wetter zu ihm wollen? Den Zauberstab gezückt trat er auf die Eingangstür zu, der Blitz erhellte sowohl die Halle als auch seine Gestalt.
„Wer ist da?“, fragte er laut genug, so dass der Besucher ihn hören konnte, doch niemand antwortete ihm. Über die Unhöflichkeit seines Gastes würde er sich später auslassen, denn er öffnete die Tür und blinzelte erstaunt. Eine völlig durchnässte Eule flatterte aufgeregt auf und ab, in ihrem Schnabel hielt sie den Tagespropheten.
„Wer schickt dich denn bei so einem Sauwetter los? Das ist doch Tierquälerei! Komm rein, schnell“, zog der Hausinhaber die Tür weiter auf. „Lass die Zeitung fallen, ich bring dir gleich ein paar Eulenkekse“, schloss er die Eingangspforte und verschwand in der Küche.
Während die Eule die Kekse hungrig vertilgte und zwischendurch Wasser trank, sorgte Draco mit einem Zauber dafür, dass der kleine Postbote getrocknet wurde. „Du bleibst heute hier. Sobald das Unwetter vorbei ist, lasse ich dich wieder raus, einverstanden?“
Die Posteule fiepte, erhob sich flatternd in die Luft und landete auf einer vornehmen Kommode, auf der sich ein geeignetes Schlafplätzchen befand. Draco musste schmunzeln. Vor Jahren hatte in diesem Haus reger Eulenverkehr geherrscht, wobei die eine oder andere Eule aufgrund von späten Lieferungen selbstverständlich hier übernachtete. Es war Dracos Mutter gewesen, die eine eulengerechte Übernachtungsmöglichkeit eingerichtet hatte.
Der nächste Donner war gewaltig laut, aber die Eule schien das nicht zu stören – Draco aber bekam fast einen Herzinfarkt. Er hasste solche Unwetter! Als ein weiterer Blitz erneut die Halle erhellte, fiel Dracos Blick auf den heutigen Tagespropheten. Unschlüssig, ob er die Zeitung nun lesen oder doch wegschmeißen sollte, verharrte er an Ort und Stelle. Wieder donnerte es. Sekundenlang blickte er auf sie hinab, bis er dann doch der Ansicht war, dass ein wenig darin schmökern nicht schaden konnte.
Mit der Zeitung in der Hand setzte er sich ins angrenzende Wohnzimmer, lauschte dem Ticken der steinalten Standuhr und betrachtete das Cover. Selbstentzündende Kerzen spendeten etwas Licht. Mit dem nächsten Donner kam auch der nächste Schock. Die Zeitung in seinen Händen zitterte, das Herz schlug schmerzvoll in der Brust und Draco hatte das Gefühl, den Boden unter seinen Füßen zu verlieren. Mit dem Gong zur vollen Stunde blinzelte der Blonde die aufsteigenden Tränen fort. Auf der Titelseite prangte ein riesiges Bild von Harry, aber es war die Überschrift, die Draco vor Entsetzen erstarren ließ:
HARRY POTTER TOT!
„Nein, nein“, wimmerte Draco undeutlich. Er war fast nicht mehr in der Lage, die Zusammenfassung des Artikels zu lesen. Aber auch sein Gehirn weigerte sich, diese Informationen als real einzustufen oder gar zu verarbeiten.
Besuch bei einer Ehrenveranstaltung an der Grenze zur Muggelwelt - in Begleitung seines Freundes - betrunkener Autofahrer – Unwetter - beide Zauberer vom Auto erfasst – Freund hat überlebt, Harry Potter war noch an Ort und Stelle gestorben …
Heißer Schmerz erfasste Dracos gesamten Körper und brannte ihn von innen heraus aus. Die Hände krampften sich in das Zeitungspapier, seine Schultern zuckten. Noch war kein Laut von ihm zu hören, während er seinen Kopf hängen ließ. Wie ein Vorhang verdeckten Dracos weißblonde Haare sein von Schmerz verzogenes Gesicht. Doch dann erfüllte ein verzweifeltes Aufschluchzen, in dem all seine Verzweiflung steckte, das Wohnzimmer.
„Nein, biiiitte, nein“, weinte Draco beherrscht, denn nie hatte er gelernt, seinen Emotionen auch ordentlichen Freilauf zu lassen. Als würde er dadurch etwas Trost finden, presste Draco in gekrümmter Haltung auf dem Sofa sitzend die zerknautschte Tageszeitung an seine Brust und wippte vor und zurück. Sein Kinn zitterte, Tränen liefen seine Wangen hinab.
Draco war so sehr in seinem Schmerz gefangen, dass er nicht einmal merkte, wie der Kamin anging und zwei Personen aus ihm herausstiegen. Auch seine Besucher hatten von der schockierenden Nachricht erfahren und ihn sofort aufgesucht. Es war Glück gewesen, auch an ihrem Ziel anzukommen, da Draco Sicherheitszauber hätte anbringen können. Wieso hatte er darauf verzichtet?
Die beiden kamen mit langsamen Schritten näher, ihre Blicke hafteten auf dem Häufchen Elend. Eine zarte Hand suchte den Kontakt zu Dracos zuckender Schulter, und als sie sie berührte, fuhr Draco hoch. Diesen Blick, diese Verzweiflung! Nie würden sie diesen Moment aus ihrem Gedächtnis streichen können.
„Es war alles umsonst!“, blaffte Draco seine Besucher an. „Alles! Dieser scheiß Zeitumkehrer hat nichts gebracht! ICH habe sein beschissenes Leben gerettet! Und wofür? Damit er eine verdammte Woche später erst recht getötet wird?!“
Wut, Hass, Trauer, Hilflosigkeit: Das alles steckte in seinen explodierenden Worten. Tränen liefen ungehindert über sein Gesicht, er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Geschwächt ließ er sich auf die Sitzbank plumpsen und zwang sich unter Kontrolle.
„Du hast es versucht“, weinte Hermine mit erstickter Stimme. „Du hast es wirklich versucht.“
„Aber er ist weg, für immer von uns gegangen!“, heulte Draco auf. „Den Tod kann man nicht überlisten. Wenn es … vorherbestimmt ist, kann man nichts dagegen tun! Oh Gooooooott!“
Erst als direkt neben ihm jemand auf die Knie fiel und hemmungslos schluchzte, blickte Draco auf. Rote Haare stachen ihm ins Gesicht. Ron … Sein Blick wanderte weiter zu Hermine. Es bedurfte keiner Worte, um ihren Zustand zu beschreiben. Hermine und Ron waren alles, was von Harry übriggeblieben war. Und sie litten, litten gemeinsam mit ihm.
Wer den ersten Schritt gemacht hatte, war vollkommen egal, aber nun lagen sie sich alle drei in den Armen und weinten, weinten um Harry.
°°°°°
Mister Malfoy?
Mister Malfoy! Kommen Sie zu sich!
Mister Malfoy! Hören Sie mich?
Ja, Draco hörte durchaus eine Stimme, aber er tat sich schwer, die Augenlider zu öffnen.
Sie müssen sich anstrengen, Mister Malfoy. Kommen Sie wieder zurück.
Da war sie wieder, diese fremde Stimme. Wem gehörte sie? Und wieso sprach sie mit ihm? Draco schaffte es tatsächlich, seine Augen zu öffnen, seine Umgebung war ziemlich unscharf. Zwei weiße Flecke beugten sich über ihn und nach einigem Blinzeln nahm die Schärfe seiner Sicht zu.
„Wo … Wo bin ich?“, krächzte er.
„Willkommen zurück, Mister Malfoy. Sie befinden sich in einem Forschungslabor. Wie fühlen Sie sich?“
„Wie … Wie ich mich fühle? Was für eine dämliche Frage. Was mache ich überhaupt hier?“, setzte sich Draco mit Hilfe der beiden Forscher langsam auf.
„Erzählen Sie es uns“, bat der andere Kittelträge ihn ganz aufgeregt.
Draco sah sich um, seine Erinnerung kehrte zurück. Ja, er hatte tatsächlich an einer magischen Studie teilgenommen! „Ich kann nur schwer die Realität von der Traumwelt unterscheiden.“ Verwirrung stellte sich bei ihm ein. Das, was er erlebt hatte, was er geträumt hatte, war so, so …
„Nicht Traumwelt, Mister Malfoy“, trat der Schnauzbartträger näher an ihn heran. „Sie waren in der Zukunft!“
Also hatte der Versuch tatsächlich geklappt? Draco wurde übel. „Welches Datum haben wir?“, fragte er.
Die beiden Forscher sahen sich kurz an. „Den 23. Juni – wieso?“, antwortete der Mann mit der dicken Brille.
„Zwei Tage“, murmelte Draco vor sich hin.
„Zwei Tage?“, wiederholten die beiden nicht verstehend.
„Nicht so wichtig. Ich … Ich muss los.“ Draco machte auf die beiden Forscher einen ziemlich verstörten Eindruck.
„Mister Malfoy! Warten Sie! Bleiben Sie bitte stehen. Wir benötigen einen genauen Bericht über …“
„Einen Bericht?“ Die Temperatur im Raum sank drastisch, Draco drehte sich langsam um. Wut bauschte in ihm hoch, er blitzte die beiden Forscher zornig an. „Sie können sich Ihren Bericht sonst wohin stecken!“, herrschte er sie an.
„Aber er ist wichtig!“, wollte der Brillenträger Draco zur Vernunft bringen. „Alles, was Sie erlebt haben, wird auch so eintreffen!“
Draco fühlte sich, als hätte er einen harten Faustschlag in die Magengrube bekommen. „Sind Sie … sicher?“, keuchte er auf.
„Auf jeden Fall! Auch wenn sich unser System noch in der Testphase befindet, sind wir davon überzeugt, dass alles so eintreffen wird, wie …“
„Ich habe versucht, ein Menschenleben zu retten, aber ich konnte es nicht verhindern! Ich bin verdammt noch mal durch die Hölle gegangen! Nie, nie wieder möchte ich so etwas noch einmal erleben!“, schrie Draco die beiden Männer an.
„Das … tut uns leid, Mister Malfoy“, bedauerte der Schnurbartträger ernsthaft, allerdings stand für ihn nur seine Forschung im Vordergrund. „Wir zahlen Ihnen auch gerne das Doppelte der vereinbarten Summe, wenn Sie uns verraten, was …“
Draco war fassungslos, wütend kniff er die Augen zusammen. „Geld? Ich brauche Ihr verdammtes Geld nicht!“, zeigte er mit dem Finger anklagend auf die beiden Wissenschaftler. „Ich habe mich nur zur Verfügung gestellt, um Ihr bescheuertes Experiment zu belächeln! Wer hätte denn ahnen können, dass dieser Scheiß funktioniert und mir einen Trip durch die Hölle beschert!“
Schnaubend fuhr er herum, stieß die milchigen Flügeltüren auf und verschwand. Die beiden Forscher blickten sich an.
„Schade, das war wohl nichts. - Rufst du den nächsten Kandidaten an?“
„Zu gern.“
°
Zwei Tage! Zwei verfluchte Tage bis zum Tag X! Draco fühlte sich wie betäubt. Er hatte das Gefühl, aus einem Alptraum zu erwachen, allerdings mit der Tatsache verknüpft, dass das Schlimmste noch bevorstand! Nein! Draco wollte einfach nicht glauben, dass diese beiden Möchtegern-Forscher Recht behielten! Noch einmal würde er dieses Leid nicht ertragen können!
Sein Weg führte schnurstracks in die Bar, die er in seiner Zukunft bereits mehrmals besucht hatte. Paul, der Barkeeper, sah hoch, musterte ihn stumm und verfolgte sein Näherkommen mit wachsamen Augen.
„Was darf’s sein?“, erkundigte sich Paul bei ihm.
„Whisky“, bestellte Draco einen weiteren Gefühlskiller und er war froh, als er das Glas an seine Lippen führen konnte.
Wie lange er hier schon regungslos am Tresen saß, wusste er nicht, dafür war die Anzahl leerer Gläser gewachsen. Obwohl der Alkohol seine Sinne benebelte, konnte er die lästige Frage, die Draco seit dem Verlassen des Labors quälte, nicht abstellen. Was sollte er tun? Konnte er überhaupt etwas tun?
„Was?“, fragte Paul ihn.
Irritiert sah Draco in das Gesicht des Barkeepers. „Wie bitte?“, nuschelte er undeutlich.
„Sie haben mich etwas gefragt, denke ich“, war sich Paul nicht sicher.
„Nein. Ich habe nicht Sie etwas gefragt, ich habe das Schicksal etwas gefragt“, gab er muffig zur Antwort. Nach Reden war ihm eigentlich nicht zumute.
„Wie auch immer“, zuckte Paul die Schultern. „Angriff ist die beste Verteidigung.“
Draco runzelte die Stirn. Was war denn das für eine Antwort? Egal, damit konnte er sowieso nichts anfangen! Zu dumm, dass ausgerechnet diese Aussage ihn nicht mehr loslassen wollte. Wie auch immer, Draco hielt es hier nicht mehr aus, er musste unbedingt raus!
„Ich will zahlen!“, verlangte er lallend.
In nicht einmal zehn Minuten umfing ihn die kühle Abendluft. Seine Füße führten ihn in eine Gegend, die Draco eigentlich nicht einmal im Traum besuchen wollte. Wieso war er dann hier? Sein Blick schweifte umher und erfasste ein nobles Restaurant. Es war jenes Restaurant, in das Potter gerne ging, sofern man dem Getratsche der Neider glauben durfte. Es sah nicht nur teuer aus, die Preise waren eine Frechheit! Sicher, Draco konnte sich einen Besuch durchaus leisten, sogar mehrere, aber dieses Restaurant reizte ihn nicht besonders.
Mit langsamen Schritten überquerte er die Straße, denn er fühlte sich wie magisch von dem großen Schaufenster angezogen. Durch die breite Verglasung war es den Passanten möglich, einen großzügigen Blick in die noblen Räumlichkeiten zu werfen – auch Draco konnte nicht widerstehen.
Wie versteinert blieb er stehen. Dass der Sonnenuntergang die Straße in ein romantisches Licht tauchte, bekam er nicht mit, denn er starrte durch die Scheibe hindurch zwei Personen an, wobei ihm die eine ziemlich bekannt war. Harry Potter saß seinem Freund gegenüber, sie schienen sich ausgezeichnet zu amüsieren.
Ein wehmütiges Lächeln legte sich auf Dracos Lippen. „Genieße es, so lange du noch kannst“, wisperte er. Gequält schloss er für ein paar Sekunden seine Augen, senkte seinen Kopf und tauchte in die Vergangenheit ein.
„Potter?“
Harry wirbelte herum. „Was willst du, Malfoy?! Hast du noch einen so tollen Spruch auf Lager? Der wirkt aber nur, wenn du deine beiden Gorillas mitnimmst, weil die nämlich über jeden Blödsinn lachen!“ Harry war mehr als angepisst. Nicht einmal auf dem Astronomieturm hatte er seine Ruhe vor dem Blonden!
„Ich … muss mit dir reden“, zwang sich Draco, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Seine beiden Gorillas, wie Harry sie nannte, hatte er weggeschickt.
Auge in Auge standen sie sich gegenüber. Der Eine war etwas unsicher und nervös, der Andere noch wütend, aber neugierig.
„Rede“, verschränkte Harry seine Arme vor der Brust. Es wunderte ihn, dass der Slytherin ihm gefolgt war. Zudem schien er sich zu etwas durchzuringen. Sein Mund ging ständig auf und zu, aber es kam kein Ton heraus.
„Was-ist- jetzt?“, verlor Harry bald seine Geduld, obwohl er sicher nicht gehen würde, so lange er nicht den Grund für Dracos Besuch erfuhr.
Der Blonde atmete tief durch. „Er will, dass ich mich als Todesser beweise. Und er will, dass ich … ich Dumbledore umbringe. Tue ich das nicht, wird er meine Eltern töten. Sie befinden sich in seiner Gewalt.“
Harrys Gefühlsregungen zeigten sich überdeutlich in seinem Gesicht. Zuerst konnte er nicht glauben, was er da hörte, bis die Ehrlichkeit und die Angst in Dracos Worten und Gesichtsausdruck ihn überzeugten.
„Wieso bist du damit zu mir gekommen?“, war das Erste, was Harry einfiel. „Du solltest damit zu Dumbledore gehen! Er wird dir helfen!“
Draco schaffte es nicht mehr, seinem Gegenüber in die Augen zu sehen, denn die Offenlegung seiner beschissenen Lage, die ihn Stück für Stück von innen heraus auffraß, hatte ihn einiges an Überwindung gekostet.
„Oh“, kam es verstehend von Harry, was Draco dazu brachte, doch wieder aufzusehen. Zu seiner Erleichterung hatte der idiotische Gryffindor es endlich gerafft!
„Du bist zu mir gekommen, weil …“, fing Harry an. „Ich verstehe, ja, ich verstehe, wieso du … Malfoy …“ Harry fühlte sich ein wenig überrumpelt und er wusste nicht, was genau er antworten sollte. Nachdenklich kratzte er sich im Genick. „Pass auf“, wirkte er plötzlich entschlossen.
Harry kam auf Draco zu, blieb dicht vor ihm stehen und sah ihm ernst in die Augen. „Es war richtig, mit deinem Problem zu mir zu kommen. Ich verspreche, dir zu helfen, vorausgesetzt, wir gehen jetzt zu Dumbledore.“
„Oh Potter! Kapierst du es denn nicht?“, raunzte Draco genervt los. „Er wird mich von der Schule schmeißen, er wird …!“
„… gar nichts dergleichen tun! Ich bürge für dich!“, unterbrach Harry ihn schroff. „Ich weiß, dass es wegen unserer Vergangenheit schwer ist, aber … Bitte, vertrau mir einfach, okay? Ich regle das schon. Wir werden schon eine Lösung finden.“
Es war eigenartig. Jahrelanger Hass füreinander war plötzlich nicht mehr vorhanden. Es zählten Menschenleben, es zählte die richtige Entscheidung vor dem bevorstehenden Krieg. Wie schwer musste Draco Malfoy dieser Entschluss gefallen sein und wie lange hatte er gebraucht, um sich zu diesem Schritt durchzuringen? Harry sah die Qual in Dracos Augen und hinterfragte sein eigenes Hilfsangebot nicht.
Harry sollte Recht behalten. Obwohl Hermine und Ron Draco nicht über den Weg trauten, tat es doch Albus Dumbledore, der dem Blonden sofort Schutz anbot. Pläne wurden geschmiedet und nur zwei Tage später sollte es zum finalen Kampf auf Hogwarts kommen. Die Schlacht war grausam, denn sie forderte viele Tote. Dracos Hoffnung wurde bestätigt, dass seine Eltern auf der Seite der Guten kämpften, aber Voldemorts Rache sollte ihrem Leben ein Ende setzen.
Stunden später war die Schlacht geschlagen und Voldemort Vergangenheit, aber Draco weinte über sie gebeugt um seine toten Eltern. Er schämte sich seiner Tränen nicht, egal, wer ihn auch sah. Es war auch das erste und einzige Mal, dass Harry ihn umarmte und ihm zuflüsterte, dass alles wieder gut werden würde. Nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann.
Draco kam wieder zu sich und blinzelte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er minutenlang Harry angestarrt haben musste, denn der Schwarzhaarige hatte ihn entdeckt und blickte ihn verwirrt an. Das merkte auch sein Freund, der mit wilden Gesten versuchte, Harrys Aufmerksamkeit zu erhalten. Verärgert darüber, dass das nicht klappte, suchte er den Grund von Harrys Abwesenheit und fand ihn auch: Draco! Ein wütender Blick traf den Blonden, was diesen dazu veranlasste, schnellstens das Weite zu suchen.
Wie Draco den Weg nachhause gefunden hatte, wusste er nicht mehr, aber wo sich seine Tränke befanden sehr wohl! Ein Schlaftrunk musste her, wenn er morgen für das Training fit sein wollte. Aber wie konnte er seine Gedanken abstellen? Wie seinen Herzschmerz? Verdammt, er wusste keine Lösung. Dann fielen ihm endlich die Augen zu.
Eduard merkte sofort, dass mit Draco etwas nicht stimmte. Der Blonde war ziemlich abwesend und ungesund weiß im Gesicht. Seine Vermutung war, dass sein Sucher krank war, da half auch alles Widersprechen nicht. Eduard schickte Draco vom Feld und gab ihm mit auf dem Weg, sich zuhause auszuschlafen.
Allein sein, den Gedanken und der steigenden Nervosität ausgeliefert sein, den Schmerz ertragen zu müssen – das alles hielt Draco nicht mehr aus! Alles, woran er denken konnte, war Harry Potter und an die verdammte Tatsache, dass er gegen das Schicksal nichts ausrichten konnte. Draco war zum Heulen zumute. Die Bürde des Schweigens über Harrys Schicksal ruinierte ihn!
Draco fand sich in der Winkelgasse wieder und beobachtete die glücklichen Kids, die mit ihren Eltern eifrig Schulsachen einkauften. Ja, damals, als Draco in ihrem Alter gewesen war, war die Welt für ihn noch in Ordnung gewesen. Und nun? Von so vielen Menschen umringt fühlte er sich dennoch ziemlich einsam.
„Nicht zu fassen“, murmelte Draco vor sich hin, als er Harry, Ron und Hermine in der Menge entdeckte. Obwohl er gerne zu Harry wollte, um ihn einfach nur anzusehen, sich jedes noch so kleine Detail einzuprägen, wählte er dennoch die Flucht. Dass er aber schon längst vom Trio entdeckt worden war, entging ihm. Gehetzt schob er die schlendernden Besucher beiseite, überhörte deren Proteste und erhöhte sein Tempo, um Abstand zu Harry aufzubauen.
Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen, er schüttelte den Kopf. Draco war froh, sich an einer Hausmauer abstützen zu können. Wann hatte er das letzte Mal etwas Nahrung aufgenommen? Da er auf offener Straße nicht umkippen und somit noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte, holte sich Draco etwas zu essen und zu trinken. Es fiel ihm schwer, Bissen für Bissen hinunterzuwürgen, aber die aufgenommene Nahrung brachte seinen Kreislauf wieder in Schwung.
In Gedanken versunken saß er auf einer Bank, neben ihm nahm eine alte Frau Platz. Ungeniert musterte sie ihn und sprach ihn sogar an! „Jungchen, Sie sehen nicht gut aus. Lassen Sie sich von einer alten Frau sagen, dass Komatrinken nicht die Lösung ist!“
„H-hm, das werde ich mir merken“, murmelte Draco mehr zu sich selbst.
„Geht’s Ihnen denn gut?“, rutschte sie zu ihm auf.
Verdammt! Er kannte diese alte Dame nicht einmal! Wieso schossen ihm dann die Tränen in die Augen? Weshalb schnürte sich seine Kehle zu? „Ich … Ich!“ Draco riss sich zusammen. „Geht schon.“
„Papperlapapp!“, klopfte die rüstige Dame ihren Gehstock aufs Pflaster. „Sie sind nur höflich, aber das bedeutet auch, dass sie mich gerade anlügen. Ich habe einen Enkel in Ihrem Alter, Jungchen. Er will mir auch nie sagen, was ihn bedrückt.“
„Dafür wird er wohl seine Gründe haben“, lächelte Draco traurig.
„Das ist bestimmt so“, nickte die Oma zustimmend. „Aber wenn man redet, hilft das meist, mit seinen Problemen leichter fertig zu werden.“
„Nichts für ungut“, schnaubte Draco sanft. „Aber ich kenne Sie nicht einmal.“
„Was so viel heißt, wie dass ich objektiv urteilen kann. Nur Mut, junger Mann.“
Draco fühlte sich wie im falschen Film. Das konnte doch jetzt nicht ihr Ernst sein! Andererseits: Was hatte er schon zu verlieren?
„Glauben Sie, dass die Zukunft schon feststeht?“, fragte er die alte Dame.
„Nein“, lachte sie leise. „Sie kann sich in jeder Sekunde verändern.“
„Was halten Sie von der Theorie, dass man durch intensive Forschung die Möglichkeit hat, in die Zukunft zu sehen? Angenommen, es wäre so und man kennt schon einen Teil. Würde sie sich dann wiederholen?“
Die alte Lady mit dem grauen Haar und dem faltigen, freundlichen Gesicht sah nachdenklich aus. „Nein“, blieb sie bei ihrem Standpunkt. „Eben weil man sie kennt, wird sie sich verändern.“
„Und wieso?“, fand Draco ihre Aussage interessant.
„Weil man sich dann nicht so verhält, wie es ursprünglich geplant war. Unbewusst macht man irgendetwas anders“, erklärte sie ihm.
„Das trifft auf einen selbst zu“, führte Draco das Gespräch fort. „Was, wenn man die Zukunft einer anderen Person kennt? Selbst kann man da nicht eingreifen.“
„Interessant, interessant“, musste sie zugeben. „Ich bleibe aber bei meiner Meinung. Einmal die Zukunft gesehen, wird sie sich trotzdem verändern.“
„Ich hoffe, Sie haben Recht“, lächelte Draco müde.
Wässrige blaue Augen sahen ihn geduldig an. „Sie sehen so traurig aus, junger Mann. Was auch immer Ihnen geschehen ist, Sie dürfen die Hoffnung nie aufgeben.“
„Ich versuche es“, blickte Draco zu Boden. Eine Taube kümmerte sich um die Reste seines Mittagessens.
„So ist es schon besser. Leider muss ich Sie verlassen, denn ich habe noch ein … Wie sagen die jungen Leute heutzutage dazu? Date? Mein Mann wartet schon auf mich.“
„Ja“, nickte Draco schmunzelnd.
Die Oma erhob sich ächzend und stützte sich auf ihrem Stock auf. „Glauben Sie an die Hoffnung. Viel Glück, junger Mann.“ Die kleine, rüstige Frau schenkte ihm ein faltiges Lächeln, dann machte sie sich langsam auf dem Weg.
Draco sah ihr lange hinterher, bis sie von der Menge verschluckt wurde. Ja, er kannte sie nicht, aber er mochte das Gespräch, das sie geführt hatten. Die alte Dame war ihm sympathisch und ihr Enkel konnte stolz darauf sein, eine so nette Großmutter zu haben. Familie … Etwas, was Draco nicht mehr hatte. Beste Freunde vielleicht, so wie Blaise und Kevin, aber die beiden Turteltauben machten gerade eine Reise um die ganze Welt.
Sein Blick verließ seine zittrigen Finger, schweifte über die lebhafte Menschenmasse und erfasste smaragdgrüne Augen, die ihn nicht mehr losließen. Als wäre es vorherbestimmt, teilte sich die Menge und gab die Sicht auf Harry Potter frei, der unbeweglich mittig auf der Einkaufsstraße stand und Draco nachdenklich musterte. Draco konnte dem Blickkontakt nicht standhalten. Doch als er wieder hochsah, war Harry verschwunden! Die Menge schloss sich wieder und verdeckte die leere Stelle, an der Harry noch vor Sekunden verweilt hatte.
Draco schüttelte den Kopf. Vielleicht war die jetzige Begegnung mit Harry nur Einbildung oder Wunschdenken gewesen. Seufzend machte er sich auf den Weg nachhause. Nach Apparieren war ihm nicht zumute, da er den angebrochenen Tag irgendwie überstehen musste. Alles, was Zeit in Anspruch nahm, kam ihm gerade recht. Verdammt! Wieso war er nicht auf Harry zugegangen? Wieso hatte er nicht die Chance genutzt, ein wenig Zeit mit ihm zu verbringen, bevor …! Vielleicht wären das Wiesel und seine Frau ein kleines Hindernis gewesen, aber auf einen Versuch hätte er es ankommen lassen müssen!
Plötzlich beschlich ihn das Gefühl, verfolgt zu werden, deshalb drehte er sich um. Es waren zwar eine Menge Leute zu sehen, aber es gab niemanden, der ihn beobachtete oder ihn überhaupt realisierte. Eigenartig. Mit gerunzelter Stirn setzte er seinen Weg fort. Schon bald verließ er die Winkelgasse, aber das Gefühl, dass ihn jemand beobachtete, wurde er trotzdem nicht los.
„Draco? Langsam wirst du paranoid“, schimpfte er leise mit sich. Wann war es das letzte Mal gewesen, dass er den Fahrenden Ritter genommen hatte? Bestimmt schon vor Ewigkeiten! Ernie Prang, der Fahrer mit der dicken Brille, hatte sich nicht verändert, ebenso wenig Stan Shunpike. Er musterte Draco von oben bis unten und dachte bestimmt angestrengt nach, woher er Draco kannte.
„Elf Sickel, Sir“, hielt er die Hand auf, Draco gab sie ihm. Da er den rasanten Fahrstil von Ernie kannte, suchte er sich einen Platz, an dem es viele Möglichkeiten gab, um sich festzuhalten.
Ernie? Was is’n mit der Tür los? Wieso geht sie nicht zu? Versuch’s noch einmal!
Draco hörte zwar die Worte des Busschaffners, aber sie interessierten ihn nicht. Nicht eben sonderlich begeistert nahm er Platz und hielt sich fest.
Na bitte! Geht doch!, freute sich Stan und gab Ernie das Zeichen, kräftig aufs Gas zu treten. Der Bus fuhr nicht los, der Bus raste! Draco drückte es in den Sitz. Jetzt wusste er wieder, wieso er eigentlich nie wieder den Fahrenden Ritter nehmen wollte! Vollbremsungen, Katapultstarts, waghalsiges in die Kurve legen – Draco krallte sich regelrecht fest! Den anderen Fahrgästen schien dieser rasante Fahrstil nichts auszumachen, denn sie lasen seelenruhig ihren Tagespropheten weiter, während sie auf ihren Sitzgelegenheiten von einer Busseite zur anderen rutschten. Zwanzig Minuten später war die Horrorfahrt endlich zu Ende.
„Endstation!“, brüllte Stan los, während Ernie seine letzte Vollbremsung hinlegte. Draco erhob sich und torkelte aus dem Bus, obwohl er nichts Alkoholisches getrunken hatte. Boah, ihm war speiübel! Endlich wieder festen Boden unter seinen Füßen flüchtete er regelrecht in Richtung Malfoy Manor!
Ernie? Heute ist der Wurm drin! Die verdammte Tür spinnt schon wieder!
Was hatte Stan nur andauernd an der Bustür auszusetzen?, fragte sich Draco. Erneut meldeten sich seine Nackenhaare, deshalb blieb Draco stehen. Wachsam drehte er sich um seine eigene Achse, aber niemand war weit und breit zu sehen! Da war was faul, aber was nur? Draco vertraute seinem Instinkt, wobei seine Augen ihm Entwarnung gaben. Verwirrt darüber gab er es auf, brachte den schmalen Weg zur Eingangstür hinter sich und trat in sein Heim ein. Ein seitlicher Luftzug streifte ihn, allerdings ging hier kein Wind! Noch etwas, was Draco sonderbar vorkam.
„Einbildung, Draco, alles nur Einbildung“, sprach er sich zu und begab sich in jenen Raum, den er liebte: sein Geheimzimmer. Draco aktivierte soeben das Licht, als er Sekunden später ein leises Aufkeuchen hörte. Jetzt schrillten alle Alarmglocken bei ihm.
„Wer ist da! Zeig dich!“, schrie er mit gezücktem Zauberstab los, doch niemand meldete sich. Ein gemurmelter Spruch sollte dafür sorgen, den ungebetenen Gast ausfindig zu machen, ihn zu zeigen, aber er schlug fehl! Der angespannte Ausdruck in Dracos Gesicht ging zurück, müde ließ er die Schultern sinken.
Draco hatte vor, Harrys Leben ein letztes Mal Revue passieren zu lassen, indem er sich alle aufgehobenen Zeitschriften hintereinander durchlas. Das war seine Art, seine Erinnerungen mit dem Inhalt der Artikel zu vergleichen; seine Art, sich von ihm zu verabschieden … Und irgendwann schlief er völlig erschöpft über den aufgeschlagenen Zeitungen ein.
Er bemerkte nicht die leisen Schritte, die näher kamen; nicht die Hand, die plötzlich sichtbar wurde und sanft eine weißblonde Strähne aus seinem Gesicht strich …
TBC …
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